Opernrausch: Ein Feldforschungstagebuch zum Festival der Komischen Oper Berlin 2017

Eintrag vom 15. 07. 2017 »Zoroastre«

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Wie bereite ich mich vor: Mit Musik! Ich versuche mich im Vorfeld schon einmal etwas reinzuhören in die Barockoper Zoroastre … während ich die Wohnung putze, das muss ja zwischen zwei Opernbesuchen auch mal sein.

Was ziehe ich an: Einen dunkelblauen Overall mit Knöpfen und meine weißen Stoffturnschuhe – ein bisschen Sommer, ein bisschen Trend, ein bisschen UNPRAKTISCH, wenn man sich in der Pause verquatscht, vor Beginn des zweiten Teils nochmal schnell auf die Toilette rennen muss und durchs Auf-und-Zuknöpfen-und-aus-den-Ärmeln-Heraus-und-in-die-Ärmel-wieder-Hineinwinden kostbare Zeit verliert…

Wen nehme ich mit: Meine Freude Timo und Océane, ein deutsch-französisches Paar. Sie geht in Frankreich, wo sie lebt, häufig in die Oper, er steht mehr auf Punkkonzerte, hat die Karten aber als Überraschung für sie besorgt. HERZ!

Deutsch-französische Freundschaft: Océane und Icke

Deutsch-französische Freundschaft: Océane und Icke

Es rauscht. Aber gewaltig. Mein Kopf dröhnt, meine Beine zittern, das Herz schlägt zu schnell. Ich bin totmüde und gleichzeitig sind meine Sinne geschärft, Melodien haben sich in mein Hirn gefressen, an den unpassendsten Stellen wandern sie über meine Lippen hinaus an die Luft (besonders unpassend dann, wenn ich hier im Haus bin, um meine Blogeinträge einzupflegen und durchs Treppenhaus summend plötzlich einem der Sänger*innen oder Chorsolist*innen begegne … aber sie grüßen alle sehr freundlich!)  – ganz klar, über den Punkt, an dem man nach Hause gehen und sich ins Bett legen sollte, bin ich hinaus, also feiere ich weiter, auf dieser Party, die sich Komische Oper Festival nennt. Das ist ja auch der Deal, sechs Inszenierungen, sechs Texte, eine Woche voller …ja was eigentlich? Jetzt, wo noch zwei Abende vor mir liegen und schon vier hinter mir (zu Zoroastre gleich mehr), ist es doch mal Zeit für eine (selbst)kritische Zwischenbilanz: Wie weit bin ich mit meinen Feldforschungen bislang eigentlich gekommen?

Also gefühlt bin ich der Oper mittlerweile ja schon näher gerückt (und tiefer eingedrungen in den Bau, gestern war ich nach der Vorstellung in der Kantine…), gleichzeitig löst die Komplexität der Angelegenheit bei mir regelmäßig Verzweiflungsanfälle aus, nämlich in dem Moment, wo ich versuche, diese Gefühle hier in Worte zu fassen. Da fehlt es mir dann häufig doch an Erfahrung, Fachwissen, Vokabular. Was bei vielen anderen der Zuschauer*innen ganz und gar nicht der Fall ist: Mann, können die fachsimpeln! Da traue ich mich dann auch nicht mehr, beim Nachgespräch einfach zu sagen: »Geil war’s, ey!«

Eins aber ist klar: Unterschiedlicher hätten die Abende hier nicht sein können: Ballettstück, Operette, Barockoper, zum Lachen, zum Heulen, wohlfühlig oder befremdlich, ich will nicht sagen: »Hier ist für jeden Geschmack etwas dabei.« Aber ich bin schon mal so begeistert, dass ich auch meine opernfernen Freunde überzeugen möchte, den Besuch zu wagen.

Kantine!

Kantine!

Zoraostre allerdings ist vielleicht nicht die geeignetste Einsteigeroper (auch das natürlich Geschmacksache), ich jedenfalls tue mich zu Anfang etwas schwer mit dem barocken Klang, der Strenge, die diese Musik transportiert. Regisseur Tobias Kratzer hat die Geschichte von Zoroastre (=Zarathustra) und seinem Gegenspieler Abramane in die Gegenwart verlegt. Aus dem Streit zwischen dem guten und dem bösen Zauberer um das Reich Baktrien und seine Thronfolgerin Amélite wird ein Streit zweier Nachbarn (der eine moderner Spießbürger mit Yogakumpel, der andere mehr Typ »Trailerpark«), die einander wegen eines (lächerlich kleinen) Rasenstücks an die Gurgel gehen. Drunter zu leiden haben vor allem die Bewohner Baktriens: Der Volkschor wird bei Kratzer zu Ameisen, die ihren Lebensraum auf dem umkämpften Rasen haben. Im zweiten Teil macht es dann Klick bei mir: Während das Stück inhaltlich Fahrt aufnimmt und auf sein (überraschenderweise sehr abruptes) Ende zusteuert, kommt auch die Musik mehr bei mir an. Der Chor, der im ersten Teil leider nur per Lautsprecher in den Zuschauerraum übertragen wurde, hat – jetzt auf der Bühne – eine unglaubliche Kraft und Schönheit und ist für mich, trotz der tollen Sänger*innen, der heimliche Star des Abends. »Das war süper«, sagt meine Freundin Océane, »und extra für mich auf Französisch!« »Zum Glück gibt es die Übersetzungsanlage«, denke ich.

Später lerne ich, was für eine Herausforderung eine Barockoper wie Zoroastre für die Sänger*innen und vor allem auch das Orchester ist: »Wir benutzen zum Beispiel anderen Bögen als sonst, Barockbögen«, erklärt mir Ansgard Benecke, Geigerin. Vor einigen Wochen haben wir uns kennengelernt, als ich auf der Bühne vom Roten Salon in der Volksbühne stand, sie ist meine Eintrittskarte zur Kantine. Die Kantine: Hach! Haben Sie schon mal ein Ständchen bekommen von Chorsolist*innen der Komischen Oper Berlin? Nein? Ich auch nicht. Aber ich war gestern dabei, als jemand anderer eins bekam. Zum Heulen schön war’s. In dieser Kantine. Ganz toll, mit den Akteuren der Veranstaltung direkt in Kontakt zu kommen, hinter den Kulissen… »Wird doch langsam«, denke ich auf dem Nachhauseweg, »mit mir und der Oper.« Rausch on!

Geschrieben von Komische Oper

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