Opernrausch: Ein Feldforschungstagebuch zum Festival der Komischen Oper Berlin 2017

Eintrag vom 16. 07. 2017 »Medea«

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Wie bereite ich mich vor: Ich schaue die Probendoku zu Medea auf Youtube https://www.youtube.com/watch?v=Wrd-SuwbE20&t=601s … und gehe im Anschluss an die Vorstellung zum Nachgespräch mit Komponist Aribert Reimann.

Wen nehme ich mit: Michael Wolf, den laut eigener Aussage bestgekleidetsten Theaterkritiker der Stadt.

Was zieht Michael Wolf an: Blauer Staubmantel, schlichte Stoffhose – »der bestgekleidetste Theaterkritiker der Stadt mag es klassisch«, denke ich zunächst, als wir uns vor der Oper treffen. Doch nachdem Michael Wolf seinen Mantel an der Garderobe abgeben hat, offenbart sich mir der außergewöhnlicher Geschmack des jungen Mannes. »Was ist das?!«, kreische ich erschrocken beim Anblick seines über und über mit winzigen Pünktchen übersäten Hemdes. »Feine Textur!«, erklärt er mir begeistert. »Mir wird ganz schwummerig«, bringe ich matt hervor, »von dieser Textur.« »Fashion Anfängerin, hm«, sagt Michael Wolf lachend. Ich blicke auf meine ausgewaschene Jeans. »Sieht so aus«, sage ich. »Kommt schon noch«, sagt er.

 

Immer wieder schön

Immer wieder schön

»Der Stoff kommt auf einen zu, wenn man bereit ist«, sagt auch Komponist Aribert Reimann. Ich stehe im Foyer der Komischen Oper Berlin, wo Reimann sich nach der heutigen Medea Vorstellung den Fragen der Zuschauer stellt. Es ist eine außergewöhnliche Situation: Wie oft kommt es vor, dass man den Komponisten einer Oper direkt vor sich sitzen hat, froh, munter und gewillt, von seinem Schaffensprozess zu erzählen? Dazu auf eine Art und Weise, die es auch den musikalisch weniger Bewanderten ermöglicht zu folgen? Die Chance, Reimann live zu erleben, wollen sich auch viele andere nicht entgehen lassen. Ausschließlich drücken sie Reimann gegenüber Begeisterung aus, ein Herr erzählt sogar, er habe sich die Medea bereits zum 7. Mal angesehen.

Der Enthusiasmus, der sich hier im Nachgespräch zeigt, deckt sich mit dem Gefühl, das ich im Zuschauerraum während der Vorstellung und vor allem beim Schlussapplaus hatte: Die Leute finden Reimanns Medea in der Inszenierung von Benedict Andrews richtig geil. Doch spulen wir zurück. Als Michael Wolf und ich im Parkett Platz nehmen, sind wir vor allem auf eines gefasst: dass es anstrengend wird. »Neue Musik? Oh Gott!«, »Krach!«, »Das kann man sich nicht anhören!«, bin ich von mehreren Leuten vorgewarnt worden. Tatsächlich gesellen sich zum mir mittlerweile bekannten Opernpublikum – gepflegt, gesittet, im Durchschnitt älter – heute einige Zuschauer*innen, die ich eher in der Kunst-Szene vermuten würde. Mein Fashion-Favorit (Sorry, Michael Wolf): Ein Typ in All-over-Jeans-Look und Cowboyboots.

Komm, wir gehen in die Oper

Komm, wir gehen in die Oper

Dann wird es…brutal. Auf der kargen Bühne, die eine Art Wasteland zeigt, einen Nicht-Ort, kämpft Medea vergeblich gegen ihre Rolle als Verstoßene an. In Griechenland ungewollt, vom Mann verlassen, von den Kindern vergessen, übt sie schließlich ihre alles vernichtende Rache aus. Der Medea-Stoff wurde von zahlreichen Dichter*innen bearbeitet, für seine Oper hat Aribert Reimann als Textgrundlage die Version Grillparzers gewählt. »Der Text ist durchlässig für Musik«, erklärt er später im Gespräch. Versionen anderer Autor*innen wären sprachlich zu dicht gewesen, dazu hätte er im Kopf einfach keine Musik gehört. Die Musik, die er schließlich für seine Oper geschaffen hat, ist alles andere als angenehm zu hören. Es knallt und quietscht – disharmonisch, irritierend, beklemmend. Dazu der Gesang: Nicole Chevalier als Titelfigur hat extrem Koloraturen zu bewältigen, sie zeigt, übrigens nicht nur gesanglich, sondern auch darstellerisch, eine beeindruckende Leistung. »Ihre Stimme ist Medeas Waffe«, erklärt Reimann, »die sie gegen die anderen einsetzt.«

Trotz des schrecklichen Geschehens auf der Bühne müssen Michael Wolf und ich manchmal ungewollt kichern – zu befremdlich klingt es, wenn die Silben des Textes aufgebrochen werden und Wort und Ton auseinander driften. Als der Applaus am Ende des Stücks aufbraust, stellen wir fest: Das Opernpublikum ist ausgesprochen munter! Tatsächlich habe ich das Gefühl, den bislang stärksten Applaus der Festivalwoche zu hören, spätestens in dem Moment, wo Aribert Reimann die Bühne betritt, gibt es für das gesamte Team Standing Ovations.

»Beim nächsten Mal dann aber klassische Oper, bitte«, sagt Michael Wolf, während er in seinen Staubmantel schlüpft. »Und ich komme in feiner Textur«, sage ich. Auf dem Weg nach Hause denke ich darüber nach, wie Musik und Gesang es schaffen, ganz unmittelbar Emotionen zu erzeugen, dass sie eine Kraft besitzen, die Worte niemals haben werden. Jaja, okay. Keine neue Erkenntnis, weiß ich doch. Dann sehen wir uns ja gleich bei Der Jahrmarkt von Sorotschinzi!

Geschrieben von Komische Oper

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