Bei der Premiere von Anatevka, am 3. Dezember 2017, war auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier anwesend. Bevor die Aufführung begann, hielt er eine Rede, die Sie im Folgenden lesen können. Weitere Informationen zum Bundespräsidenten finden Sie hier.

03.12.2017 Berlin Besuch des Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier und seiner Frau Elke Büdenbender zur Premiere Anatevka in der Komischen Oper mit Intendant Barrie Kosky

03.12.2017 Berlin
Besuch des Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier und seiner Frau Elke Büdenbender zur Premiere Anatevka in der Komischen Oper mit Intendant Barrie Kosky Foto: Christian Schulz

 

 

Halbgötter und Hofnarren, Vogelfänger, Toreros und frierende Dichter – oder eben: Milchmänner und Kupplerinnen – sie alle stehen oft auf Opernbühnen.

Bundespräsidenten nicht ganz so oft. Dennoch: In Berlin machen wir dieses Jahr gleich zwei Ausnahmen von dieser Regel. Es gibt viel zu feiern in den Berliner Häusern. Erst kürzlich Unter den Linden, am 3. Oktober, Sie wissen schon. Und heute hier. Deshalb das Wichtigste zuerst: Herzlichen Glückwunsch zum Siebzigsten!

Professionell und frivol, so gehört es sich auf diesen Brettern, in der Komischen Oper – mal schwelgend, mal nachdenklich. Vor allem aber kurzweilig. In aller Kürze deshalb zu Ihrer Sicherheit gleich zu Beginn: Die 70 Jahre sieht man hier wirklich niemandem an. Nicht dem Haus, nicht den Künstlern, nicht den Inszenierungen und erst recht nicht dem Publikum. Gerade das Publikum – es ist so vielfältig wie die Stadt selbst. Die Leute im Theatersaal und die Gesellschaft vor der Tür sind nicht Gegensatz, sondern Einheit. Eine für alle, das will die Komische Oper sein – und ich finde: Es gelingt! Für ein Opernhaus ist das doch der größte Erfolg.

Liebes Team der Komischen Oper, liebes Ensemble, liebe Ehemalige und Förderer, lieber Barrie Kosky: auch wenn der Vorhang noch unten ist – allein dafür gebührt Ihnen jetzt schon einmal ein ganz kräftiger Szenenapplaus.

Und doch ist dieses Haus wirklich schon 70 Jahre alt. Damals ein anderes Deutschland: gespenstische Ruinen und Wohnungsnot in den Städten, in Berlin Zonen- und Sektorengrenzen, und bald schon Blockade und Rosinenbomber – jedenfalls Mangel überall. Stellen Sie sich jetzt kurz vor, es ist Sommer in Berlin vor 70 Jahren. Sie sitzen an Ihrem Schreibtisch und diktieren einen Brief, dringende Bitten um Material für die Eröffnungssaison. Leichter Wiener Schmäh. Sie verlangen viel: 10.000 Stück Gitternieten, zum Beispiel. Oder 2.000 Stück Scharniere, und auf jeden Fall 50 Paar Damenschuhe, Gold. Und vieles mehr, alles knappe Ware im Jahr 1947, und doch Alltag im Gründungsjahr der Komischen Oper. Eine lange, trockene Liste, adressiert an die Kulturabteilung der sowjetischen Zentralkommandantur. Unterzeichnet: Walter Felsenstein.

Szenenwechsel. Die Scharniere sind alle verschraubt, und jetzt schauen Sie sich um. Der gleiche neobarocke Saal. Und wenn Sie jetzt – ein Mal, ausnahmsweise – die Augen schließen – in der Komischen Oper sonst nie eine gute Idee –, wenn wir also nur zuhören, dann hören Sie vielleicht schon die jazzige, fröhliche Sprache dieser Bühne. Egal, ob auf Deutsch oder auf Türkisch, auf Italienisch oder auf Englisch: Es ist eine Sprache, die im polyglotten Babylon Berlin jeder versteht. Ein einheimischer Dialekt und zugleich moderne Fremdsprache – eine Sprache, die Grenzen überwindet.

Bleibt nur die Frage: Ist die Szene schwarz-weiß, und ist das Fritzi Massary, die da die Hits von Friedrich Holländer singt? Oder doch die Manzel? Liegt uns hier der „Fiddler on the Roof“ aus der DDR im Ohr, der von Felsenstein, zehn Jahre nach dem Mauerbau? Ein kultureller Exportschlager aus Ostberlin, wie übrigens auch das Personal der Komischen Oper, denken Sie nur an Götz Friedrich und Joachim Herz, an den großen Harry Kupfer und an Andreas Homoki. Oder ist es doch die Anatevka-Neuinszenierung, die von 2017, die wir heute Abend erstmals gemeinsam hören dürfen? In der Komischen Oper weiß man das immer erst dann mit Gewissheit, wenn man die Augen wieder aufmacht.

Augen auf, das ist Pflicht hier. Dann sieht man, wie modernes und selbstbewusstes Musiktheater geht. Theater für alle Sinne. Das finden die Schülerinnen und Schüler, die Sie mit Ihrer Nachwuchsarbeit erreichen. Das finden alle, die einmal eine Ihrer Pop-up-Opern in sonst eher opernfernen Berliner Bezirken erlebt haben. Das finden vor allen Dingen die Nachwuchskünstler, die in großer Zahl ins Ensemble streben und anschließend den Geist der Behrenstraße in die ganze Welt tragen. Und das finden schließlich auch alle Expertinnen und Juroren, die einerseits Inszenierungen und Sänger – natürlich –, andererseits aber auch das gesamte Team, das Orchester und den Chor immer wieder und zu Recht auszeichnen.

Da ich nur sieben Minuten für 70 Jahre habe, jetzt schon zum Schluss: Die Komische Oper, Sie merken es, ist für mich etwas Besonderes. Das hat nicht nur mit den Pralinen am Ausgang zu tun. Nein, es tut einfach gut, hier zu sein. Gerade auch, wenn man kein eingefleischter Opernliebhaber ist und nicht den Harenberg-Opernführer unterm Arm trägt. Gerade auch für die, die als Kind kein Instrument gelernt haben und erst damit anfangen, das Musiktheater zu erkunden. Vielleicht können wir hier alle ein wenig lernen. Zum Beispiel, wie wir eine Sprache finden, die ganz viele Leute im Jetzt erreicht – und zwar über die einzelnen Grüppchen und Milieus hinweg. Oder wie uns eine altehrwürdige Kunstform ganz aktuell berühren und begeistern kann. Oder vielleicht noch wichtiger, wie wir mit dem Schatz unserer Kulturgeschichte umgehen, ganz ohne Mottenkugeln und Hurrapatriotismus.

Die Komische Oper leistet einen großen Beitrag zum Kulturreichtum und zur bunten, lebensfrohen Vielfalt hier in Berlin. Herzlichen Glückwunsch zu diesem Erfolg!

Hier steht jetzt aber: „Regieanweisung, Bundespräsident geht ab.“

Ich freue mich sehr, heute mit Ihnen allen 70 Jahre Komische Oper zu feiern. Das ist ein schönes Jubiläum, und wie Sie es ja schon selber so schön sagen: Auf die nächsten 70 Jahre spannendes Musiktheater! Alle guten Wünsche dafür und nun uns allen einen bewegenden, nachdenklichen und damit im besten Sinne auch komischen und berührenden, jedenfalls unvergesslichen Abend. Viel Vergnügen und herzlichen Dank!

Geschrieben von Komische Oper

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