Als im Jahre 1911 eine Harmonielehre von Arnold Schönberg bei der Universal-Edition in Wien erschien, zeigte sich die Fachwelt überrascht, dass das Werk alles andere als die erwartete Manifestation neuartiger Kompositionstechniken war, sondern in vielerlei Hinsicht an alte Traditionen anknüpfte. Denn der oft als umstürzlerischer »Neutöner« etikettierte Komponist, der zwei Jahre zuvor mit seinen Drei Klavierstücken op. 11 und der Vertonung von Fünfzehn Gedichten aus »Das Buch der hängenden Gärten« von Stefan George op. 15 den Schritt zur so genannten Atonalität vollzogen hatte, sah sich selbst nicht als »Vollstrecker«, sondern im Gegenteil als ein Bewahrer und Fortführer, sah sich als ein weiteres Glied in der Kette großer Komponisten von Bach bis Brahms. »Meine Lehrmeister waren in erster Linie Bach und Mozart«, so der Autodidakt Schönberg, »in zweiter Linie Beethoven, Brahms und Wagner.«
An Bach bewunderte Schönberg die meisterliche Beherrschung des Kontrapunkts, die auch für Schönbergs eigenes Schaffen von größter Bedeutung war, v.a. dann in den Werken, die auf der von Schönberg entwickelten »Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen« (Zwölftontechnik, Dodekaphonie) fußen (darunter auch seine Oper Moses und Aron). Begrifflichkeiten wie »Umkehrung«, »Krebs« oder »Krebsumkehrung«, die die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Zwölftonreihe eines Stücks bezeichnen, entstammen unmittelbar barocker Fugentechnik.

Arnold Schönberg, Selbstporträt

An Brahms hingegen, dem Schönberg 1947 im US-amerikanischen Exil ein Essay mit dem Titel Brahms, the Progressive (Brahms, der Fortschrittliche) widmete, faszinierte ihn die kompositorische Verarbeitung des motivischen Materials und der bisweilen streng formale Aufbau seiner Kompositionen. Angesichts eines derartigen Traditionsbewusstseins nimmt es nicht wunder, dass sich Schönberg im Laufe seines Lebens immer wieder der Werke alter Meister annahm, um sie in Form von Bearbeitungen »in neuem Licht« erscheinen zu lassen. So hat er u.a. nicht nur Schuberts Musik zu Rosamunde für Klavier zu vier Händen bearbeitet, sondern auch Brahms’ Klavierquartett g-Moll op. 25 und mehrere Orgelchoräle von Bach für großes Orchester instrumentiert. Ein »wieder ans Licht Bringen« der ganz besonderen Art ist Schönbergs Beschäftigung mit dem Konzert für Clavicembalo von Matthias Georg Monn (1717-1750), das er 1933 durch seine Bearbeitung für Violoncello und Orchester dem Vergessen entreißt.

Den Verzicht auf die tonale Gebundenheit sah Schönberg also nicht als Traditionsbruch, sondern vielmehr als logischen Schritt in einer sich schon lange vorher anbahnenden Entwicklung – einen Schritt, den zu gehen er sich in fast messianischer Weise berufen fühlte: »Einer hat’s sein müssen, keiner hat’s sein wollen; da hab’ ich mich halt dazu hergegeben«, antwortet der Soldat Schönberg lapidar im Kriegsjahr 1915 seinem Vorgesetzten auf die Frage, ob er denn jener umstrittene Komponist Schönberg sei.

Über Schönberg und seine Kunst wurde in der Tat heftig gestritten – so manches Konzert mit Werken des Komponisten artete in wilden Beschimpfungen, bisweilen sogar in Handgreiflichkeiten aus. In seiner Geburtsstadt Wien sah sich Schönberg immer wieder auch persönlichen Anfeindungen ausgesetzt.

Obwohl sein Schaffen auch in Berlin nicht uneingeschränkte Zustimmung erfuhr, nahm Schönberg die deutsche Hauptstadt im Vergleich zu Wien als weltoffener und ihm wohl gesonnener wahr. »Sie glauben gar nicht, wie berühmt ich hier bin«, schrieb er an seinen Verleger nach Wien, als er im Herbst 1911 zum zweiten Mal in die deutsche Hauptstadt zog.

Insgesamt drei mehrjährige Aufenthalte verbringt Schönberg im Laufe seines Lebens an der Spree: 1901-1903, 1911-1915 und 1926-1933. Im Jahre 1901 bietet ihm der Kabarettist Ernst von Wolzogen eine Stelle als Kapellmeister in seinem neu gegründeten Kabarett namens »Überbrettl« an. Schönberg hatte Chansons einzustudieren und steuerte auch selbst einige Brettl-Lieder bei. Im Allgemeinen waren Schönbergs Kompositionen aber zu anspruchsvoll für den verlangten Zweck. Was hingegen von Wolzogen als geeignet empfunden wurde, rief bei Schönberg nichts als Kopfschütteln hervor. Der Wiener Operettenkomponist Oscar Straus (u.a. Die lustigen Nibelungen, Die Perlen der Cleopatra, Ein Walzertraum, Eine Frau , die weiß was sie will), der ebenfalls für das Überbrettl schrieb, berichtet, dass sich Schönberg oft mit der flachen Hand entsetzt auf die Glatze geschlagen habe, wenn ihm die dürftigen Texte mit anspruchslosen Partituren zum Einstudieren übergeben wurden. Nach Auseinandersetzungen mit der Intendanz kündigt Schönberg. Auf Einladung von Richard Strauss unterrichtet er am Sternschen Konservatorium Harmonielehre, im Juli 1903 kehrt er jedoch nach Wien zurück.

Bei seinem zweiten Aufenthalt in Berlin hat sich die Situation verändert: Erneut lehrt Schönberg am Sternschen Konservatorium, aber mittlerweile ist er in Künstlerkreisen kein Unbekannter mehr. Zwischen 1911 und 1915 entstehen in Berlin mit dem Pierrot lunaire op. 21 und den Vier Orchesterliedern op. 22 zwei wichtige Werke. Der 1. Weltkrieg veranlasst Schönberg dann, in seine Heimat zurückzukehren, wo er am 15. Dezember 1915 einrücken muss.

Als ihm nach dem Tod Feruccio Busonis eine Professur für Komposition an der Preußischen Akademie der Künste angeboten wird, zieht Schönberg 1926 zum dritten Mal nach Berlin. Endlich bekleidet er einen Posten, der seinem Rang in der Musikwelt gerecht wird. »Anerkennung tut wohl«, konstatiert Schönberg. In den Jahren zwischen 1926 und 1933 entstehen so entscheidende Kompositionen wie das Dritte Streichquartett op. 30, die von Wilhelm Furtwängler, dem Dirigenten der Berliner Philharmoniker, in Auftrag gegebenen Variationen für Orchester op. 31, die Oper Von heute auf morgen (in Frankfurt am Main uraufgeführt) und die ersten beiden Akte von Moses und Aron.

1898 evangelisch getauft, beschäftigt sich Arnold Schönberg angesichts des in ganz Europa zunehmenden Antisemitismus Anfang der 1920er Jahre immer intensiver mit dem Glauben seiner Väter, wovon neben Moses und Aron auch das Oratorium für Soli, Chor und Orchester Die Jakobsleiter oder das 1927 vollendete Schauspiel Der biblische Weg Zeugnis ablegen. In letzterem thematisiert Schönberg die Vision der Errichtung eines neuen Staates der Juden außerhalb Europas und nimmt damit eine zentrale Idee des von Theodor Herzl (1860-1904) begründeten modernen politischen Zionismus auf.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlässt Schönberg im Mai 1933 mit seiner Familie Berlin – im Gepäck die noch unvollendete Oper Moses und Aron. In Paris vollzieht er die Rückkehr in die jüdische Glaubensgemeinschaft (einer der Zeugen ist Marc Chagall!), bevor er im Oktober in die USA weiterreist, wo er bis an sein Lebensende 1951 bleiben wird. Als eindringliche Reaktion auf den Naziterror komponiert Schönberg 1947 Ein Überlebender aus Warschau für Sprecher, Männerchor und Orchester op. 46, in dem er auf die Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto 1943 Bezug nimmt. Der von Schönberg selbst verfasste Text ist dreisprachig: Während der Erzähler im Allgemeinen Englisch spricht, zitiert er die Kommandorufe des Feldwebels auf Deutsch. Das Schma Israel (Höre Israel!) des Schlusschors hingegen ist auf Hebräisch vertont.

Obwohl Schönberg sich bis ans Ende seines Lebens immer wieder um die Vollendung von Moses und Aron bemüht, bleibt der letzte Akt der Oper unkomponiert – ebenso wie Die Jakobsleiter Fragment bleibt.

Geschrieben von Komische Oper

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