Dirigent Gabriel Feltz über das Gurrelieder-Phänomen, die musikalische Champions League und guten Kaffee

Gabriel Feltz (Foto: Dieter Menne)

Gabriel Feltz (Foto: Dieter Menne)

Aufgrund ihrer musikalischen Komplexität galten Die Soldaten lange als nicht aufführbar. Was ist dran am Mythos der Unspielbarkeit?

Gabriel Feltz Sicherlich steckt in diesem Mythos ein Fünkchen Wahrheit. Die spieltechnischen Anforderungen, die dieses Werk an alle Beteiligten stellt, sind enorm. Es erfordert eine ungeheure Konzentration, der komplizierten Notation – insbesondere dem Verlauf der Taktwechsel – zu folgen. Hinzu kommt, dass Zimmermann hochvirtuose Passagen für die Orchestermusiker komponiert hat, etwa für die Trompeten, Posaunen und Hörner. Selbst für die Kontrabässe gibt es höllisch schwere Stellen, die größte Brillanz verlangen. Das heißt, ein Orchester ist bis Oberkante gefordert. Aber heutzutage sind wir sicher wesentlich erfahrener und flexibler im Umgang mit solcher Musik als noch zur Zeit der Uraufführung der Soldaten im Jahre 1965; denn die Ausbildung an den Hochschulen hat sich seitdem verändert, das Repertoire in den Konzertsälen ist vielfältiger geworden. Heute kann ein Orchester beispielsweise Strawinskys Le Sacre du printemps nach zwei Proben aufführen. 1970 hat man dafür noch eine ganze Woche voller Proben gebraucht. Deshalb ist es heute vielleicht etwas leichter geworden, Die Soldaten auf die Bühne zu bringen. Aber das Stück bleibt exorbitant schwer, und in meiner Laufbahn als Dirigent ist es mit Abstand die schwierigste Partitur, die mir untergekommen ist – und ich bin jetzt 23 Jahre am Pult!

Was ist die besondere Herausforderung, die die Partitur von Soldaten an einen Dirigenten stellt?

Gabriel Feltz Es ist die Fülle an Informationen. Um die literarische Vorlage von Jakob Lenz noch weiter zu komprimieren, hat Zimmermann ja einige Szenen des Schauspiels zusammengefügt, so dass sie parallel stattfinden. Diese Simultanität findet auch auf musikalischer Ebene statt. Zimmermann schichtet so viel aufeinander, dass es eines sehr genauen Partiturstudiums bedarf, um nachvollziehen zu können, wie die einzelnen musikalischen Stränge miteinander zusammenhängen.

Wie sah dieses Partiturstudium aus? Wie haben Sie sich auf Die Soldaten vorbereitet?

Gabriel Feltz Ich wusste ja, dass die Partitur eine besondere Herausforderung darstellt und habe schon vor mehreren Monaten damit begonnen, mir jeden Tag mindestens eine Stunde Zeit ausschließlich für das Studium der Soldaten freizuschaufeln, neben meinen Aufgaben als Generalmusikdirektor in Dortmund und vielen weiteren Dirigierverpflichtungen. Das war meist irgendwann zwischen 15 und 18 Uhr, immer am heimischen Schreibtisch. Denn die Partitur ist ja rein physisch schon ein 10 Kilo schwerer Brocken, und sie hin- und herzuschleppen, wäre sehr mühsam gewesen. Und so empfing mich dieser Koloss jeden Tag in meinem Arbeitszimmer und wartete darauf, studiert zu werden. Anfangs ist mir das Arbeiten an der Partitur sehr schwer gefallen und immer, wenn ich wählen konnte zwischen den Soldaten und der Vorbereitung auf ein anderes Werk, etwa Mahlers 9. Sinfonie, dann habe ich das andere Werk vorgezogen und mir gesagt: Ich arbeite jetzt zwei Stunden an dem Mahler und nur eine ganz knappe Stunde an dem Zimmermann … Und diese knappe Stunde habe ich mir dann jeweils noch mit einer sehr guten Tasse Kaffee versüßen müssen. Aber irgendwann hat sich mein Gefühl gedreht und das Eis war gebrochen.

Gab es einen konkreten Anlass?

Gabriel Feltz Es kam der Moment, wo sich das Stück in meinem Kopf zusammenfügte. Da gelang es mir endlich, Passagen zusammenhängend zu dirigieren, ohne mich zu irren – ganz trocken, nur für mich allein. Ich mache das immer so mit komplizierten Partituren: Ich übe das Dirigieren muskulär, weil schließlich auch der Körper die Musik erlernen muss. Ein Werk muss ja bei uns Dirigenten nicht nur im Kopf, sondern auch in den Armen ankommen. Plötzlich begann ich zu fühlen, wie das Metrum des Stückes pulsiert, welche Bedeutung etwa ein bestimmter Triangelschlag auf der dritten Sechzehntel hat und dergleichen. Und irgendwann hat dieses Metrum angefangen, auch in mir zu schlagen. Aber es war ein anstrengender Weg dorthin. Nun allerdings bin ich derart entflammt für dieses Werk, dass ich mein Letztes dafür geben würde. Und es fordert einen ja tatsächlich mit Haut und Haar. Während der Einstudierung haben wir teilweise sechs oder sieben Stunden täglich musikalisch geprobt und am Ende eines Tages war der Kopf voll – und das Herz auch.

Sind Die Soldaten das erste Werk von Bernd Alois Zimmermann, das Sie dirigieren?

Gabriel Feltz Ja, wenngleich Zimmermann in meinem Leben schon sehr lange herumgeistert. Meine erste Begegnung mit seiner Musik fand über einen Umweg statt: Ich dirigierte als 19-Jähriger Die weiße Rose von Udo Zimmermann im Apollo-Saal der Berliner Staatsoper – mein Debüt als Dirigent. Zur selben Zeit besuchte ich eine Orchesterprobe der Berliner Philharmoniker und kam im Anschluss mit Simon Rattle ins Gespräch, dem ich erzählte, dass ich Zimmermann dirigierte. Er fragte mich sogleich, ob es Bernd Alois Zimmermann sei, und als ich verneinte, sagte er nur: »I love Bernd Alois Zimmermann!« Das war für mich komischerweise der erste Hinweis, dass es noch einen anderen Zimmermann gab, was ich mit 19 Jahren eben noch nicht wusste. Heute sind Die Soldaten als ein Schlüsselwerk unumstritten, und ich finde es bezeichnend, dass das Werk eine derartige Reprise erlebt – jüngst etwa in Salzburg, Zürich, München und nun in Berlin. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass das Werk früher vergleichsweise selten aufgeführt wurde. Es trifft einen Nerv unserer Zeit und hat sich selbst wieder auf den Plan gerufen – genau 100 Jahre nach der Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts, dem Beginn des 1. Weltkrieges 1914.

Die musikalische Textur von Zimmermann ist durchtränkt mit Zitaten, etwa aus Bachs Matthäus-Passion. Wie ist diese musikhistorische Rückkopplung zu verstehen?

Gabriel Feltz Etwa um 1910 waren Komponisten an den Punkt gekommen: Größer, schwerer, lauter geht nicht mehr! Man könnte es das Gurrelieder-Phänomen nennen, wo die Sprengkraft des Orchesters so gewaltig ist, dass Schönberg sich mit seiner 1. Kammersinfonie eigentlich selbst zurückruft. Das betrifft nicht nur die Einhalt gebietende Konstruktion des Apparates mit nur 15 Soloinstrumenten, sondern auch die Struktur dieser Kammersinfonie. Sie ist wie ein komponiertes Ausrufezeichen: Seid nüchterner, seid klarer, seid weniger romantisch! Es ist fast wie ein Appell – und irgendwo der zentrale Nervenstrang von Schönberg. Ich habe das immer wie eine Rückbesinnung empfunden. Nach 1945 gab es dann musikhistorisch in vielerlei Hinsicht einen richtigen Bruch: den Verlust des permanenten Kontaktes eines städtischen Publikums mit seinem Theater und seinem Orchester in Bezug auf Gegenwartsmusik. In dieser Bruchlinie sehe ich Zimmermann nicht. Sicher ist er kompliziert, aber bei ihm gibt es einen bewussten Rückblick, etwa auf Bach oder Händel. Er fügt sich ein in die Kette der Musikgeschichte – und ist brillant genug, dass er in dieser Champions League der Komponisten bestehen kann. Und: er ist ein wirkliches Bühnentier! Zwar mutet er den Sängern Halsbrecherisches zu, aber er hat den Instinkt für Oper. Seine Musik ist situativ für die Szene komponiert. Es gibt wenige Komponisten, die der Oper nach 1945 solche Impulse gegeben haben – in meinen Augen zuvorderst Ligeti, Nono und eben Zimmermann. Was ich persönlich an der Partitur besonders schätze, ist auch ihre kalligraphische Qualität. Sie ist mit einer solchen Sorgfalt gemacht, dass man weiß: Das kann nur ein überzeugungstäter sein. Um solche gigantischen Werke zu schaffen, muss man irgendwo eine ganz tiefe Gabe des Glaubens an sich selbst haben – trotz aller Depressionen, die Zimmermann in seinem Leben geschüttelt haben. Aber diesen besonderen Funken, die Gabe des Genies, muss er in sich getragen haben. Sonst hält man es nicht durch, ein Stück wie dieses zu schreiben.

Er selbst bezeichnete sich als eine Mischung zwischen »Mönch und Dionysos«, war zutiefst religiös …

Gabriel Feltz Nicht umsonst hat er an das Ende all seiner Kompositionen, auch der Soldaten, die Buchstaben O. A. M. D. G. gesetzt, was für Omnia ad maiorem Dei gloriam steht (Alles zur größeren Ehre Gottes). Und das trotz (oder vielleicht wegen?) seiner Traumatisierung durch den 2. Weltkrieg, in dem er als 20-Jähriger kämpfen musste. Seine größte Angst war es, dass sich so ein Krieg noch einmal wiederholt. Man ist ja fassungslos, wenn man daran denkt, wie nah die Welt in den 1950er und 60er Jahren dem Atomkrieg war – und wie leichtfertig die Militärs das Einsetzen von Atomwaffen damals ins Spiel brachten, etwa im Korea-Krieg oder der Kuba-Krise. Und das nach 55 Millionen Toten nur wenige Jahre zuvor! Vor diesem Hintergrund kann man ein Werk wie Die Soldaten wirklich begreifen.

In Calixto Bieitos Inszenierung spielt das Orchester auf der Bühne, ist als totalitäres Zwangssystem Teil der Maschinerie des Bösen …

Gabriel Feltz Calixto Bieito ist da ganz intuitiv auf die Bedürfnisse der Musik eingegangen. Es ist ja in der Tat so, dass das Orchester mit der geballten Kraft der Personalstärke von über 120 Musikern das Herzstück der Soldaten ist und voll zum Einsatz kommt, gerade in den Szenen, in denen das Soldatenleben gezeigt wird – etwa in der Szene, wo Stolzius im Kaffeehaus gedemütigt wird. Für uns ist diese Szene rhythmisch, vom Tempo und der Koordination, von der Aggressivität und Bissigkeit der Musik die größte Herausforderung des zweistündigen Opernabends, und in unserer Anordnung auf der Bühne können wir vibrieren vor Energie.

Zimmermann hat in seiner Komposition relativ wenig Raum gelassen für eine eigene Interpretation. Wo gibt es dennoch Spielräume?

Gabriel Feltz Bei der Konzentration auf die technische Realisierbarkeit und dem Bemühen darum, die Partitur rhythmisch exakt wiederzugeben, kann schon einmal der Klang – die Seele und die Wärme des Klangs – verlorengehen. Meine Aufgabe als Interpret sehe ich darin, dafür zu sorgen, dass neben der Texttreue auch die Klanglichkeit zur Geltung kommt.

Das Gespräch führte Pavel B. Jiracek (Dramaturg)

Geschrieben von Komische Oper

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