IMG_3318

Günter Demnig bei der Verlegung der Stolpersteine

Auf Initiative des Intendanten und Chefregisseurs der Komischen Oper Berlin, Barrie Kosky, und des Förderkreises der Komischen Oper Berlin e. V. wurden am 30. Januar 2015 im Vorfeld der Premiere von Eine Frau, die weiß, was sie will! von Oscar Straus durch den Künstler Günter Demnig drei Stolpersteine vor dem Haupteingang des Opernhauses verlegt.

Mit diesen drei Stolpersteinen möchte die Komische Oper Berlin – stellvertretend für so viele andere vertriebene und ermorderte Mitarbeiter des damaligen Metropol-Theaters – an drei Menschen erinnern, die in ganz unterschiedlichen Bereichen im Haus an der Behrenstraße gewirkt haben:

Kuba Reichmann, Konzertmeister
Hans Schapira, Bibliothekar/Inspektor
Fritz Spira, Schauspieler/Sänger

PIC_1-G-5002

MS Batory, New York

Über das Leben von Kuba Reichmann ist leider nicht allzu viel bekannt. Er wurde 1903 in Deutschland geboren. Von 1931 bis 1933 arbeitete er als Konzertmeister am Metropol-Theater in Berlin und gehörte dort dem Musikvorstand an.
Eine Spur seines Lebens findet sich auf der »Liste der ausländischen Passagiere« des Passagierdampfers »MS Batory« als Crew-Mitglied. Er war einer von insgesamt drei Musikern an Bord des Schiffes – für eine Kurz-Kreuzfahrt, die am 4. September 1936 in New York startete und über Bermuda wieder zurück zum Ausgangspunkt New York führte. Der Eintrag auf dieser Passagierliste lautet: »Reichmann, Kuba, musician, 33, male, single, able to read and to speak English, Nationality: stateless, Place of birth: Germany, Last permanent residence: USA, N. Y.«
Das heißt, Kuba Reichmann ist bereits vor dem 4. September 1936 in die USA geflüchtet und hatte einen Wohnsitz in New York. Der Eintrag »staatenlos« bedeutet, dass Kuba Reichmann einer von rund 40.000 Menschen war, die ihre politischen Rechte, ihren diplomatischen Schutz verloren und deren Vermögenswerte beschlagnahmt wurden. Die Ausbürgerung erfolgte nach dem Ausbürgerungsgesetz vom 14. Juli 1933. Ab 1936 begann der NS-Staat eine Politik der Massenausbürgerung. Betroffen waren nunmehr hauptsächlich die ins Ausland geflüchteten jüdischen Verfolgten des Regimes. Mit dem Entzug der Staatsangehörigkeit schaltete das NS-Regime Juden und Oppositionelle »legal« aus. Definitiv war Kuba Reichmann Musiker auf dieser Kreuzfahrt der »Batory«. Ob er es auch davor (möglicherweise auf der Jungfernfahrt des Schiffes, die am 17. Mai 1936 nach New York startete) und später war, bleibt ebenso wie sein Lebensweg im Ungewissen.

Hans Walter Schapira wurde am 17. Mai 1907 in Berlin-Tiergarten geboren. Nach einer kaufmännischen Lehre begann der junge Mann am wiedereröffneten Metropol-Theater als Sekretär und Bibliothekar. Fünf Spielzeiten – von 1929 bis 1933, so belegt es das Deutsche Bühnenjahrbuch – gehörte er zum namentlich aufgeführten Ensemble. Hans Walter Schapira war auch Kassierer und Theaterdiener; 1932 und 1933 war er als Inspektor tätig. All dies lässt auf eine große Affinität zu diesem Musentempel schließen.
Der junge Mann Hans Walter Schapira brauchte und liebte die Theaterluft, doch sein Name ist in keinem der Bühnenjahrbücher nach 1934 an einem Theater im Deutschen Reich mehr vermerkt. Er war Jude und verlor seine Arbeit. Die Recherchen ergaben, dass Hans Walter Schapira seit 10. August 1939 jüdischer Patient in den Heilstätten Berlin-Wittenau war. Die Beurkundung seines Sterbedatums- und Sterbeortes,
zu finden in der historischen Einwohner-Meldekartei Berlin, lautet: »Sterbedatum u. -ort: 27. Dezember 1940 in Chelm«.
Chelm bei Lublin ist eine NS-Tarn-Adresse im Rahmen der T4-»Euthanasie«-Mordaktionen gegen unwertes Leben und jüdische Patienten in Heilanstalten. Es gibt auch im Fall Hans Walter Schapira eine Differenz zwischen den offiziell beurkundeten und den realen Todesdaten. Die absichtliche Falschbeurkundung von Sterbeort und Sterbedatum war systematischer Teil der perfiden NS-Praxis: zum einen, um die Angehörigen über das Ausmaß des Mordens im Unklaren zu lassen, zum anderen, um die jüdische Wohlfahrt mit jedem weiteren Monat angeblicher Pflege eines Juden in einer psychiatrischen Einrichtung finanziell zu »schröpfen« (im Falle von Hans Walter Schapira um sechs Monate).
Das Alte Zuchthaus Brandenburg wurde als 2. NS-»Euthanasie«-Anstalt der Aktion T4 zur Tötungsanstalt und verschleiernd als »Landes-Pflegeanstalt Brandenburg a. H.« bezeichnet. Im Februar 1940 begannen die Nazis hier mit der planmäßigen Tötung von Menschen durch Kohlenmonoxid. Im Jahr 1940 wurden 9.772 Menschen erstickt. Hans Walter Schapira war einer von ihnen. Er wurde am 9. Juli 1940 nach Brandenburg »verlegt« und dort noch am gleichen Tag
ermordet.

88876895_133499379755

Fritz Spira

Jacob Fritz Spira wurde am 1. August 1877 in Wien als Sohn eines Antiquitätenhändlers geboren. Auch Fritz sollte Kaufmann werden, doch gegen den Willen der Eltern besuchte er 1894-1896 die Schauspielschule in Wien und trat 1897 am Stadttheater Olmütz (Olomouc) als jugendlicher Liebhaber sein erstes Engagement an. Ab 1901 war Fritz Spira auch in Berlin als Bühnendarsteller und als Film-Schauspieler gefragt.
Er spielte 1901 an Max Reinhardts Berliner Kleinkunstbühne »Schall und Rauch«, verkörperte 1903 – nach einem Engagement am Berliner Residenz-Theater 1902/03 – den Aljoscha in der deutschen Erstaufführung von Maxim Gorkis Nachtasyl an Reinhardts Kleinem Theater in Berlin und trat 1904 auch an dessen Neuem Theater auf.
1905 kam Fritz Spira ans Berliner Lustspielhaus, 1906 ans Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, 1908 ans Residenztheater in Frankfurt am Main, an dem er u. a. Moritz in Frank Wedekinds Frühlings Erwachen und Oswald in Henrik Ibsens Gespenster spielte. Nach weiteren Engagements in Berlin und der Teilnahme am 1. Weltkrieg spielte er 1919 am Theater in Berndorf/Niederösterreich. Bald sang und spielte er wieder in Berlin – so 1923 an der Komischen Oper (Friedrichstraße 104), 1928 am Theater im Admiralspalast (Friedrichstraße 100), als freier Schauspieler an den »Rotterbühnen« und beim Film.

Fritz Spira lebte viele Jahre im Berliner Stadtteil Wilmersdorf, Koblenzer Straße 2 (1933-35 ist er unter der Adresse Offenbacher Straße 7 im Berliner Adressbuch aufgeführt, danach gibt es keine Einträge mehr). Er betätigte sich auch als freier Theater-Unternehmer und erhielt u. a. vom Berliner Polizeipräsidenten auf seine Anfrage (vom 21. Februar 1921) sofort eine Theater-Spielerlaubnis (mit dem Vermerk: »sofort am 25.2.21 vom Polizeipräss. Berlin Abt. III bewilligt«) für eine dreimonatige Tournee eines musikalischen Schwanks durch Preußen.
1930 wird er festes Ensemble-Mitglied des Metropol-Theaters Berlin. Im Deutschen Bühnenjahrbuch von 1930 bis 1933 ist Fritz Spira als darstellendes Mitglied des Metropol-Theaters Berlin aufgeführt. Längst hatte er das Fach gewechselt und trat hier als Charakterdarsteller und Père noble auf. »Fritz Spira«, so vermerkt es der Eintrag im Österreichischen Biographischen Lexikon der Akademie der Wissenschaften, ÖBL 1815-1950, Bd. 13 (Lfg. 59, 2007, S. 31), »erzielte durch seinen österreichischen Sprachton, sein elegantes Auftreten und sein charmantes Wiener Wesen auf der Bühne große Wirkung und war auch als Operettensänger erfolgreich.«
Seit 1905 waren Fritz Spira und die Berliner Schauspielerin Charlotte Andresen glücklich verheiratet, 1906 wurde in Hamburg die Tochter Camilla und 1908 in Wien die Tochter Steffie geboren, die später selbst bekannte Schauspielerinnen wurden. Auf Druck der Nazis und zum Schutz der Familie ließ sich der jüdische Schauspieler von seiner nicht-jüdischen Frau scheiden und flüchtete 1934 vor dem Naziregime nach Polen. Fritz Spira spielte am deutschsprachigen Stadttheater Bielitz (Bielsko-Biała), war hier auch Oberspielleiter. Ab Mitte 1935 lebte er wieder in Wien, wo er als Jude kaum noch Arbeitsmöglichkeiten fand. Nach dem Anschluss Österreichs (13. März 1938) bemühte er sich vergeblich, ins Ausland zu entkommen.
Fritz Spira wurde am 3. März 1941 im Rahmen der sogenannten »Polen-Aktion« (der Enteignung und Vertreibung von 10.000 Wiener Juden vom 15. Februar bis Mai 1941) deportiert. Er wurde vermutlich im Jahr 1943 im KZ Ruma in Serbien ermordet.

Recherche und Text: Dr. Karin Schmidt-Feister

Geschrieben von Komische Oper

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *