Studierende des Aufbaustudiengangs Kulturjournalismus der UdK-Berlin haben am 18. und 28. Mai 2014 gemeinsam mit ihrem Dozenten Prof. Manfred Eichel eine Aufführung der Produktion Carmen an der Komischen Oper Berlin besucht. Hier die ersten – lesenswerten – Ergebnisse:

Carmen (Foto:Iko Freese)

Antonia Munding

Sebastian Baumgarten inszeniert „Carmen“ als multimedialen Geschlechterkampf an der Komischen Oper und erzählt vom grossen Missverständnis der Liebe

Eine grinsende Totenkopffratze, geschmückt mit Zylinder, enger roter Korsage und schwarzem Reifrock. Sebastian Baumgartens Carmen ist eine Mischung aus Gevatter Tod und Kokotte.
In Voodoo-Manier beschwört sie die abgerupften Hühnerreste im Plastikbottich und zwingt mit dem Sud aus ihrer Schöpfkelle, das gesamte Regiment in die Knie.
Wo der Zuschauer sonst die Habanera als verführerische Folklorenummer geboten bekommt, setzt Baumgarten eine schrille Todesallegorie, die mit expressionistischer Stummfilmgestik den Schrecken ins Absurde zerrt.

Baumgartens Inszenierung ist ein Bruch mit tradierten Sehgewohnheiten. Ein wildes Puzzlespiel aus Klischees, Versatzstücken und symbolhaften Anspielungen. Die Fabrik, in der Carmen arbeitet, ist mal Zigarren-, mal Hühnerfabrik. Sie selbst ist kastagnettenscheppernde Verführerin, Messerstecherin oder Vodoopriesterin, – oft mehr Macho als femme fatale. Carmen ist ein Phantom. Sie entwischt jedem, der versucht, sie zu halten und ihre Geschichte lässt sich nicht verorten. Selbst wenn die Konstante der Aufführung die Projektion einer Plattenbausiedlung im Hintergrund ist, vor die je nach Szene eine abgebrannte Santander- Bank, eine Bar oder der Eingang des Hyatt-Hotels projiziert werden. (Bühne Thilo Reuter). „Liebe ist der wahre Betrug“ – so lautet das Motto des Spiels, das Carmen mit Don Jose und Escamillo treibt.

Carmens Geschichten und die unerwiderte Liebe Michaelas zu Don José spielen in einer globalisierten Scheinwelt, in der alle Empfindungen bereits mediale Vorbilder haben: González Inaritu, Fritz Lang, Joseph Sternberg Don Quixote, Michael Jackson. Selbst die Revolution lässt sich nur als Wiederholung erleben. Und ihre Ikonen werden als Pappfiguren nach einem kurzen Totentänzchen im nächsten Müllcontainer entsorgt. Den Exotismus Bizets setzt Baumgarten in Form knallbunter Klischeeaccessoires in Szene: falsche Goldkreolen, überdimensionierte Plastikblumen im Haar und überrüschte Flamencoröcke – die Künstlichkeit ist Programm. (Kostüme: Ellen Hoffmann)
So entpuppt sich die Handlung als rasanter Comicstrip, in dem die Figuren in Slapstickmanier jedem Pathos entkommen. Dabei wird die Aufführung nicht nur vom fein artikulierenden Orchester unter Leitung Henrik Nànàsis getragen, sondern auch von den virtuos auf die Musik geschnittenen Videoprojektionen (Jan Speckenbach) und dem unerbittlichen Klackern der Flamencotänzerin Ana Menjibar. Gerade in diesen Pauseneinlagen erzählt sich das Carmengefühl am eindrücklichsten. Emotion und Klischee überlagern sich und hauchen dem atemlosen Bühnengeschehen nachhaltig Tiefe ein.

Die Darsteller stampfen, jagen, lieben oder erzählen per Videobotschaft aus ihrem Vorleben. Baumgarten nutzt den Idiolekt der Darsteller für den Realismus seiner Bühnenfiguren. In die Zwischentexte mischen sich englisch, spanisch und Berliner Slang. Das Realismus-Gehabe wird aber beiläufig wieder ad absurdum geführt, wenn Zuniga (Jens Larsen) über die spanisch keifende Manuela (Ana Menjibar) lästert: „Ja, typisch, diese Italienerinnen!“

Neben der großartigen Katarina Bradic, die mit virtuoser Leichtigkeit und verführerischem Mezzotimbre sowohl sängerisch als auch darstellerisch besticht, überzeugt besonders Günther Pappendell, der den hinkenden Escamillo mit Verve und kraftvoll beweglichem Bassbariton singt. Johanni van Oostrums Michaela fällt dem Regiekonzept zum Opfer. Sie ist von Anfang an zum Heiligenbild erstarrt und hat nur wenig Möglichkeiten sich zu entfalten.

Leider ist Timothy Richards als Don José erkrankt. Er spielt zwar und spricht die Zwischentexte, lässt sich aber sängerisch von Andrea Shin vertreten, der vom Staatstheater Baden-Baden eingeflogen wurde und seine Partie von der Seitenbühne in französischer Sprache singt.

Diese Notlösung fügt sich aber gut in Baumgartens Konzept: Don José singt play-back und dann noch französisch, Carmen antwortet deutsch. Die beiden sind eben Hund und Wolf und können sich nicht verstehen. Ihre Liebe: ein grosses Missverständnis.

Wie dieses Missverständis endet, trifft ins Mark und erlöst die Figuren aus ihrem Slapstick. Don José stellt Carmen und fleht sie an, zu ihm zurückzukommen. Sie schreit ihm ins Gesicht: “Es ist vorbei, ich geb nicht nach, frei lebe ich und frei will ich auch sterben! Oh bring mich schon um oder lass mich vorbei”

Hinter ihnen flimmert der Höhepunkt eines Stierkampfs über die Leinwand. Für einen Augenblick stehen beide ruhig nebeneinander und schauen sich diese Szene an.

Dann vergewaltigt José Carmen, versagt und aus diesem Versagen heraus tötet, übertötet er sie. Am Ende bleibt nur das Kicken seines leeren Feuerzeuges und das Videostill einer verlassenen Stierkampfarena.

Carmen (Foto: Iko Freese)

Schayan Riaz

Triumph des crossmedialen Erzählens

Sebastian Baumgartens Carmen-Inszenierung in Berlin trifft den Kern des Orginals und bietet auch noch reichlich Raum für Originalität.

Eine Serbin, ein Waliser und eine Südafrikanerin betreten eine Bühne in Deutschland. Das ist nicht der Anfang eines schlechten Witzes, nein, das ist große Kunst. In Sebastian Baumgartens Carmen treffen an der Komischen Oper Katarina Bradic als Carmen, Timothy Richards als Don José und Johanni van Oostrum als Micaela aufeinander. Die Aufführung ist ein wunderbarer Mix von Nationen und Kulturen.

Auch das darf dann nicht fehlen: Timothy Richards ist nicht der einzige Don José am Abend. Sein Arzt hat ihm verboten die Stimmbänder zu belasten, also spielt und spricht Richards auf deutsch, während Südkoreaner Andrea Shin auf französisch singt. Das ist das charmante und liebenswerte an dieser Aufführung, dass wir eine multikulturelle Liebesgeschichte sehen und es ist von daher in Ordnung ist, wenn Carmen und Don José zufällig nicht in derselben Sprache singen können.

Man muss sich das so vorstellen: immer wenn Don José einen Gesangstpart hat, erscheint an der rechten Ecke der Bühne Andrea Shin und singt. Timothy Richards bewegt dabei seinen Mund und bleibt weiterhin auf der Bühne, mit ununterbrochener Mimik und Gestik. Was zählt ist natürlich der Gesang, den Shin mit großer Gefühlsbetontheit von sich gibt. Günter Papendell, der den Torero Escamillo spielen wird, trägt Lederjacke und glatte Haare. So singt er dann später auch – mit voller Inbrunst, wie ein Rockstar. Genauso wichtig wie der Gesang ist die Musik und auch in diesem Fall punktet die Aufführung mit einer emotionalen Eindringlichkeit.

 Die Richards-Shin-Kombo stört nicht, da von vorneherein alles auf einer experimentellen Ebene dargestellt wird. Videokunst, Fotografie, Dokumentarfilm – Baumgarten mischt verschiedene Mittel und Genrekonventionen, um die Geschichte zu erzählen. Bei all dieser Technik erhält man dennoch rare Momente der menschlichen Wahrheit, wie zum Beispiel wenn Bradic für einige Sekunden die Kastagnetten nicht aufbekommt und Richards sie panisch angrinst. Später erscheint er dann stoisch als Don José auf einer riesigen Videoprojektion mit Bauchbinde. Das alles ist für eine Oper gewagt. Es macht Carmen aber auch auf raffinierte Art zugänglich.

 Es ist ja ohnehin keine langweilige Story. Carmen arbeitet in einer Tabakfabrik und begegnet dort Don José. Der Soldat verliebt sich und rettet sie aus einer brenzligen Situation, muss eben deswegen selber in den Knast. In dieser Zeit lernt Carmen den Stierkämpfer Escamillo kennen, bleibt Don José aber treu. Als ihr Letzterer dann doch zu öde wird, entscheidet sie sich für den Torero. Und wird von Don José erstochen. Beim entscheidenden Dolchstoß wird die Bühne rot – eine anerkennenswerte Leistung von Franck Evin, der während der gesamten Aufführung mit seinem Licht zur Stimmung der Kulissen beiträgt.

Ein übergreifendes Motiv des gesamten Stückes ist der Tod. Vieles wird diesbezüglich vom Kino abgeleitet, von Alejandro Gonzàles Innaritus Film Biutiful zum Beispiel. In Carmen hängt Javier Bardems Portrait vom Filmposter in leicht manipulierter Version links über der Bühne, mit blutrot bemalten Augen. Der Filmtitel ist durchgestrichen und in großen roten Buchstaben steht anstelle von Biutiful das Wort Death. Den Zuschauern wird klargemacht, um was es hier wirklich gehen soll.

In eines der besten Sequenzen der Inszenierung, in der zwei Spielkarten (Herz und Pik) Carmen ihren Tod voraussagen, wandelt sie sich in ein Zombie und marschiert mit gekrümmten Armen und Beinen über die Bühne. In dieser Sequenz schwirrt sogar Bardems Kopf vom obenerwähnten Poster als Hologramm auf der Bühne. Bradic brilliert hier als wahnsinnig physisch und präsente Carmen (und überhaupt ist sie einen ganzen Kopf größer als Timothy Richards). Das schwarze Kostüm, dass sie im Moment des Todesurteils trägt, komplementiert die Verdammung der Figur. Der Figur wurde bereits für ihrer Einführung ein Totenkopf auf dem Gesicht geschminkt und die durchgehend gothische Ästhetik ist manchmal beunruhigend. Aber genau deswegen geht Bradics Gesang der Habanera tief unter die Haut. Es ist von Anfang an klar, Carmen bringt den Tod mit sich.

Es gibt einen kurzen Moment während der Aufführung, wo eine Figur von oben eine Fahne weht. In der Mitte ist ein Loch, die Flagge gehört also keiner Nation, keiner Ideologie an. Vielleicht ist das die Flagge von Baumgarten, unter der sich sein gesamtes Ensemble vereint. Die Mission ist simpel: eine bekannte Oper nehmen und diese mit viel Witz und Verstand auf unterhaltsamste Weise in ein Projekt voller Ideen und Anregungen umwandeln. Mission erfüllt.

Carmen (Foto: Iko Freese)

 

Agnes Monka

Sebastian Baumgarten inszeniert ‚Carmen’ für die Komische Oper und versucht einen
multimedialen Umgang mit Klischees.

Rasend vor Eifersucht wabert ein riesiger grüner Kopf über die Leinwand. Don José, der Exliebhaber Carmens, sieht als zehn Meter hohe Videoprojektion auf das Bühnengeschehen herab, seine Augen schießen wütende Blicke auf Stierkämpfer Escamillo, den neuen Mann in Carmens Leben. Eine Viertelstunde später liegt Carmen am Boden, erstochen von der Hand des Gekränkten. Man muss den Stier außer mit der Klinge auch mit dem Herzen töten.

Sebastian Baumgarten spricht gerne über Klischees. Er gehe davon aus, so sagt der Regisseur im Programmheft, dass der Zuschauer bei Carmen bereits konkrete Vorstellungen und Bilder im Kopf habe. Er wolle damit spielen, dass das Material bekannt ist. Diesen Gedanken setzt er bei der Torero-Arie um, die inzwischen selbst das Klischee einer Heldenarie ist und deshalb durchbrochen wird. In der Komischen Oper gröhlt der Opernchor nach den ersten Takten die Melodie mit, bis die Musik unterbrochen wird. Dann ertönt die Arie mit knarzendem Ton aus dem Off, der Torero erscheint nun zusätzlich auf der Leinwand, das Volk steht davor und staunt.

Solche Brüche machen den Reiz der Inszenierung aus. Dass Baumgarten den Stoff als bekannt voraussetzt, wird aber leider auch auf andere Weise deutlich: Die Bühne ist mit Effekten und Symbolen überfrachtet, die oft nicht ineinander greifen, sondern zum Teil völlig beliebig wirken. Baumgarten erklärt, dass er durch das Übereinanderlagern vieler Bilder den Kern des Stoffs wieder freilegen will: Flamenco, tote Hühner, Christkind, Stierkampf, Sex, Teufel, Tod. Wie genau es vor sich gehen soll, dass aus einer Anhäufung etwas Reduziertes entsteht, behält der Regisseur für sich.
Zwangsläufig muss es dem Zuschauer misslingen, gleichzeitig zwei Bühnenebenen, blitzende Blaulichter, Chor, Solisten, Tänzer, die Gesangstexte und unscharfe Filmsequenzen zu erfassen. Das ist frustrierend, oft unfair gegenüber der Leistung der Darsteller, die gegen diesen visuellen Lärm anspielen müssen, und geht von Zuschauern aus, die mit dem Carmenstoff so vertraut sind, dass Ablenkung ihrem Verständnis nicht schadet. „Hier ist doch klar, dass alle eine Idee davon haben, worum es in Carmen geht“. Eine seltsam arrogante Haltung in einem Genre, das auch ein junges Publikum ansprechen möchte und muss.

Musikalisch macht der Abend vieles von dem wieder gut, was Baumgarten mit seinem Symbolsammelsurium dem Zuschauer zumutet. Don José ist mit Timothy Richards ausgezeichnet besetzt. Berührend und souverän spielt er den verschmähten Liebhaber, dessen Selbstaufgabe am Ende in blinde Wut umschlägt. Günter Papendell verkörpert den Stierkämpfer Escamillo und besticht durch kraftvolle Höhe, die niemals angestrengt klingt. Während seine Torero-Arie ironisch durchbrochen und auf die Leinwand verlagert wird, darf Katarina Bradic als Carmen ihre Habanera bis zum Ende durchsingen – und tut dies zunächst hörbar abgedunkelt und mit zu viel Druck. Vor allem nach der Pause steigert sie sich aber deutlich, das tragische Finale spielt sie mit packender Intensität und Ausdruckskraft.

Sebastian Baumgarten hat neben der Inszenierung auch die Dialoge eingerichtet und sich die Freiheit genommen, aus Don José wieder den Mörder zu machen, der er in der literarischen Vorlage ist. Bizet hatte diesen Aspekt ausgeklammert, sein Don José war handzahmer und braver. Hier aber sind die Hauptfiguren bis auf den Torero sämtlich soziale Außenseiter. Thilo Reuters Bühnenbild zieht uns von der ersten Sekunde an in die Unterwelt, deren Währung Tabak und Sex sind. Eine abgewrackte Garage, ein Hochhausblock und eine leerstehende Bank bilden die Kulisse. Und natürlich Symbole. Im Lager von Carmens Bande werden zwei riesige Holzgerippe mit den Köpfen von Marx und Engels hineingetragen und schaukeln eine Szene lang hin und her. Die linken Theorien als eindrucksvolle, aber hohle und tote Gebilde.

Aber es geht auch platt. Einblendungen wie „SEXSEXSEX“, oder „Betrug ist die wahre Liebe – Liebe ist der wahre Betrug“ geben wenig zum Denken mit auf dem Heimweg. Das Kostümbild aber wirft Fragen auf: Große goldene Ohrringe, schwarzes Haar, Rüschenkleider, Strapse für die Prostituierten. Dass das eine Überzeichnung sein soll, kann man wohl ahnen, aber bestimmt weiß man es nicht. Dies macht die Inszenierung unangreifbar für kritische Anmerkungen im Umgang mit Geschlechter- und Nationalstereotypen, die sie ja aufbrechen will: Im Zweifel kann alles ironischer Kommentar sein.

Dies ist der Trick, aber auch die Schwachstelle der gesamten Inszenierung. Baumgarten verwirkt Meta-Ebenen mit Meta-Meta-Ebenen, bis nicht mehr klar ist, ob das Klischee der rassigen Zigeunerin im Stoff, in seiner Inszenierung oder in unseren Köpfen steckt. Die im Grunde sehr spannende Frage richtet sich aber vor allem an Zuschauer, die Carmen gut genug kennen, um sich davon ausgehend auf Experimente einlassen zu können.

Carmen (Foto: Iko Freese)

Christoph Zeiher

Ich liebe, also töte ich

An der Komischen Oper peitscht Sebastian Baumgarten Bizets Carmen quer durch die Pop-Geschichte – und erzählt dabei doch vom ewig wahren Drama der Liebe

Jede Spur ist eine Einladung, jede Szene ein Weg ins Delirium. Sie müssen Tonnen wiegen, die Klischees, mit denen Regisseur Sebastian Baumgarten die Geschichte der Carmen überfrachtet. West Side Story, Michael Jackson und Quentin Tarantino – so schwer und zähflüssig erscheinen die Anleihen und möglichen Deutungen, dass man Angst hat, das dünne Gerüst der Liebesgeschichte könnte darunter einknicken. Doch im Gegenteil, unverändert stark steht sie da.

Die Geschichte bleibt kraftvoll, weil die Rollen kaum Zweideutigkeiten zulassen. Don José (Timothy Richards) ist der immer geduckte Liebende, Carmen (Katarina Bradic) die verführerisch gefährliche Femme fatale. Hinzu kommen die engelsgleiche Micaela und der feurige Stierkämpfer Escamillo. Am Anfang steht eine Liebe, die zwei Welten überspannt: Don José liebt Carmen. Der gehorsame Soldat und die wilde Zigeunerin. In Totenkopfmaske und Zylinder tritt sie auf, wie aus einem schaurig-schönen Märchen von Tim Burton entsprungen. Und als Carmen festgenommen wird, weil sie eine Arbeitskollegin angegriffen hat, verhilft ihr Don José zur Flucht. Nach langem Zögern schließt er sich ihrer Gauner-Bande an und flüchtet mit den Banditen in deren Versteck. Dort angekommen, wird kubanische Revolution gespielt. Und zwar mit allem, was dazu gehört: Che Guevara auf dem T-Shirt und Protestfahnen in der Hand. Dazu wanken zwei überlebensgroße Skelette von Marx und Lenin auf die Bühne, die wie Marionetten einer toten Idee wirken, die wieder und wieder aufgeführt werden muss.

Das revolutionäre Treiben ist – wie auch das gesamte Stück – in den Kulissen einer kaputten Stadt angesiedelt. Ein maroder Wohnblock als Klischeebild des zerrütteten Spaniens, dem Baumgarten eine Flamencotänzerin als positiven Kontrapunkt entgegen setzt. Und tatsächlich ertappt man sich bei den kurzen Zwischeneinlagen der Tänzerin in rührseliger Bewunderung dieser Kreuzfahrttauglichen Exotik-Vorstellung. Aber immerhin hätte diese romantisierende Darstellung auch dem Komponisten einfallen können. Immerhin behalf sich George Bizet bei seinem Spanien-Entwurf auch mit folkloristischen Vorstellungen. So wie Karl Mey, der seinen wilden Westen ja auch nie persönlich gesehen hat.

Vor dem Einsatz überhöhter Bilder schreckt Sebastian Baumgarten nicht zurück. Alles, was bestrahlt werden kann, wird bestrahlt. So wird das Bühnenbild durch unzählige Projektionen zusätzlich bespielt. Mit Filmszenen aus dem Repertoire des 70er-Jahre Schmuddel-Films, die auch Quentin Tarantino eine Inspiration gewesen sein könnten.

Da flimmert und blitzt es manchmal so sehr, dass man zwischendurch nur die Augen schließen und im Dunkeln die Ohren spitzen mag. Die hören an diesem Abend nämlich ein harmonisches Zusammenspiel von Orchester, Chor und Solisten. Gesangliche Höhepunkte sind die Auftritte von Johanni van Oostrum, die in ihrer Rolle als brave Micaela versucht, José wieder auf den rechten Weg zu bringen. Allerdings mit wenig Erfolg.

Dass Carmens Liebe nie von Dauer sein konnte, wird José erst klar, als er sie bereits an Escamillo verloren hat. Carmen verliebt sich in den Torero und schickt José in die Wüste. Diese Kränkung erträgt José nicht. Vergraben hat er seine Ehre zwar seit langer Zeit, aber verloren noch nicht. Um das zu beweisen und sich gegen sein Schicksal zu stemmen, begeht er schließlich den Mord an Carmen. Baumgarten will keine psychologische Analyse dieser Dreiecksgeschichte inszenieren. Stattdessen überzieht er den Berg aus Stereotypen und Klischees mit einer süßen Schicht aus Ironie. Die Leichtigkeit der Musik kommt ihm dabei immer wieder zur Hilfe. Wie in einer Operette lässt sie die Sänger und Sängerinnen oft zu Parodien werden. Davon unbeeindruckt erzählt die Geschichte ihre ewig gültige Wahrheit, die nicht zu ändern, sondern nur immer wieder zu ertragen ist. Das gleiche gilt laut dem Philosophen Boris Groys auch für die Revolution, wie sie die Banditen genussvoll inszenieren: „Die Revolution erfindet man nicht neu. Sondern die Revolution wiederholt man.“

Der Regisseur hat sich auf die Tragfähigkeit der Liebesgeschichte verlassen. Und das zu Recht. Carmens Tanzeinlagen, die an Michael Jacksons Thriller-Video erinnern, treiben die Geschichte nicht voran. Aber sie schaden ihr auch nicht. Vielmehr neutralisieren sie die Last der Klischees, mit denen diese Oper bereits belegt ist.

So kann sich Don José hingebungsvoll in das Drama der unerwiderten Liebe, des bedingungslosen Vergebens und Verleugnens stürzen. Und weil er die Liebe eben dabei nicht neu erfindet, sondern nur wiederholt, bleibt er lediglich eine menschliche Fußnote der großen Geschichte. Nur seine eigene, persönliche Geschichte kann er am Ende auf tragische Weise zu Ende schreiben.

 

Arne Siegmund:

Carmen für Dummies

Ich bin neu hier im Ressort und war in der Oper. Zum ersten Mal. In Carmen. Jetzt muss ich brechen. Aber nicht wegen Carmen, sondern mit einer goldenen Regel des journalistischen Handwerks. Ich muss etwas tun, das viele Redakteure empört: In der Ich-Form schreiben. Und ich muss sagen: Carmen ist der Wahnsinn.

Sie vereint in Sebastian Baumgartens Inszenierung an der Komischen Oper Voodoopriesterin, Zigeunerschickse und Amazone. Der Stoff, den die 1875 uraufgeführte Oper von Georges Bizét liefert, ist eine schaurig zeitlose Konstellation von der verzweifelten Liebe eines Mannes zu einer unberechenbaren Wahnsinnigen.

Wer in dieser Rezension Einschätzungen über gesangliche Talente oder den Taktstockschwung des Dirigenten erwartet, wird leider enttäuscht. Bevor ich mich hier verbiege, nutze ich einfach die Gunst des Moments und lenke die Wächter am Tor des Feuilletons kurz ab und bitte alle herein, die Carmen noch nicht gesehen haben.

Sebastian Baumgartens Interpretation von Carmen ist viel mehr als nur Gesang und Orchester. Sie ist ein Spektakel voller Assoziationen. Video-Rückblenden mal im Stile von Reality TV, mal wie ein Verhör. Psychedelische Projektionen, Disconebel, Flamenco und spanische Gitarren. Rotes Konfetti anstelle von Blutspritzern. Überall versteckte Botschaften und Symbole der Revolution: Hier Marx und Lenin, da Guy Fawkes. Ein klein wenig wie in deutschen Fernsehkrimis, wenn sich der Regisseur mal so richtig austoben durfte – nur besser. Und garantiert nicht das, was ich in der Oper erwartet habe.

Carmen ist fast wie ein Musical: Ein bisschen Latino Westside Story und ein bisschen Gypsy Moulin Rouge. Baumgarten setzt die Geschichte in ein endzeitliches Spanien der Gegenwart mit grauen Fassaden, auf denen eine Javier Bardem Projektion hypnotisch rotiert. Eine brennende Santander-Bankfiliale dient auf der Bühne als Tabakwarenfabrik, in der Carmen arbeitet. Soldaten lümmeln herum und qualmen Zigarren.

Don José, der folgsame Soldat, liebt Carmen. Ihr Gegenpart ist Micaela. Wenn Carmen der Teufel ist, was sie ganz bestimmt ist, dann ist Micaela der Engel: Hellblaues Kleid, blonde Locken, Heiligenschein. Sie kommt aus heiterem Himmel und überbringt Don José ein überdimensionales Telegramm von der Vernunft namens Mutter: Mach‘ keinen Blödsinn und sieh‘ zu, dass du heiratest. Und zwar Micaela. Stopp. Jaja, Mutter.

Hätte er mal auf seine Mutter gehört. Carmen ist eine Furie, die sich Messerstechereien während der Arbeit liefert. Wer wie Don José einer Frau wie Carmen verfallen ist, der macht sich angreifbar und tut unvernünftige Dinge. Das nutzt Carmen schamlos aus. „Wenn du mich liebst, dann hast du auf meiner Seite zu sein! Ach ja, und befrei mich gefälligst. Du kriegst auch was.“ So wringt sie Don José regelmäßig wie einen Lappen aus und lässt ihn dementsprechend sorglos fallen – wisch und weg. Warum auch einen Lappen behalten, wenn man eine Muleta haben kann? Carmen weiß, dass der Star-Torero Escamillo auf sie steht. Er ist wirklich sehr berühmt und lässt das auch raushängen, wenn er „Auf in den Kampf, Torero!“ schmettert. Typ Blitzlichtgewitter – was für ein Angeber!

Schon im Intro der Oper, das im Stile eines Filmvorspanns daherkommt, geht es um Torero-Ethik und den Stierkampf als Brückenschlag zwischen Liebe und Betrug, Leben und Tod. Aber auch um die verletzte Ehre eines Mannes. Das sind unverkennbar die Hauptmotive des Stücks. Carmen hat Don José immer wieder am roten Tuch vorbeilaufen lassen und schließlich mit ihrem Degen sein Herz durchbohrt. Als er begreift, dass er Carmen nicht haben kann, weil sie Escamillo liebt, ist er sich sicher: „Entweder Du bleibst bei mir oder ich bring Dich um!“ Es kommt zum tragischen Ende. „Im Augenblick des Tötens dürfen wir nicht zweifeln“ lautet eine goldene Regel des Stierkampfes.

Der Masterstudiengang Kulturjournalismus, mit dem Studienziel Kulturjournalistin – Kulturjournalist, bereitet in zwei Jahren kompakt auf die journalistische Arbeit in und für Kulturredaktionen vor. Die meisten Menschen erfahren über Kultur vor allem aus den Feuilletons der Tageszeitungen und Kultursendungen im Fernsehen. Aber Kulturjournalismus bedeutet mehr, als Rezensionen, Theater- und Filmkritiken zu schreiben …

 

Nora Hiller

Die ungewollte Dreiecksbeziehung

Zwei Männer buhlen an der Komischen Oper in Sebastian Baumgartens Carmen um die Gunst der Latina. Und das am vergangenen Mittwoch nicht nur auf erzählerischer Ebene – es gab zwei Don Josés.

 In Bizets „Carmen“ kämpfen Don José und Stierkämpfer Escamillo um die schöne Carmen. Don José hat sich unsterblich in die verruchte Carmen verliebt, während die viel mehr Gefallen am tapferen Escamillo findet, dem alle Frauenherzen nur so zufliegen. Es ist ein Beweis dafür, dass Dreiecksbeziehungen bereits zur Uraufführung in 1875 die Zuschauer faszinierten. Auch sorgt eine Ménage à Trois noch für Spannung, von Filmen wie Woody Allens „Vicky Christina Barcelona“ bis zur trashigen Jugendliteratur „Twilight“.

 Bei den Liebeleien, bei denen immer einer zu viel ist, kann nun das Publikum in der Komischen Oper in Berlin miteifern. Die von Bizet vorgegebene Dreieckbeziehung zwischen Don José, Carmen und Escamilla war jedoch nicht die einzige, die es am vergangenen Mittwochabend auf der Bühne zu sehen gab. Denn plötzlich warben zwei Don Josés um die Aufmerksamkeit der feurigen Latina – einer im schwarzen Anzug auf der Seite der Bühne und der andere im Kostüm, mitten im Geschehen. Von seinem Arzt zum Singverbot verdonnert, durfte der gefeierte Solist Timothy Richards seine Rolle des Don Josés am vergangenen Mittwoch nicht singen. Glücklicherweise sprang kurzerhand Andrea Shin vom Badischen Staatstheaters Karlsruhe ein. Richards übernahm weiterhin die Darstellung seiner Rolle sowie die gesprochenen Dialoge, während Shin für die gesungenen Parts zuständig war.

 Es war zugleich auch noch eine multilingualen Liebesgeschichte, bei der Carmen (Katarina Bradic) auf Deutsch sang und der romantische Don José auf Französisch antwortete – denn Shin hatte die Partitur nur in der Originalsprache Französisch, der Sprache der Liebe, einstudiert. Verschiedener konnten die beiden Sänger nicht sein: Timothy Richards schauspielert seine Parts mit überaus dramatischer Mimik, während Shin seine Emotionen eher in sich trug und diese dafür in der Stimme mitschwingen ließ. Besonders im dramatischen letzten Akt kann man Richards im Gesicht ansehen, wie gerne er selbst singen wollte und wie schwierig es sein musste, stumm zu bleiben. Seine Sehnsucht gilt nicht nur Carmen, sondern auch dem Singen selbst. Shin kann dafür mit einer klaren Stimme und der Gabe überzeugen, sich sofort der musikalischen Leitung von Henrik Nánási anzupassen. Der bringt an diesem Abend die verschiedenen Parteien der Darsteller, dem Orchester und dem eingesprungenen Shin souverän zusammen.

 Nicht nur multilingual, sondern auch ein multimediales Spektakel wird in Baumgartens Carmen geboten. Leere Wände bieten Platz für Projektionen, die anstelle eines Gottes den Kopf von Javier Bardem mit roten dämonischen Augen vorbeizischen lassen und mit einer immer wiederkehrenden roten Spray-Paint-Schrift des Wortes „Death“ zum Morden anstiften. Der Torero Escamillo wird wie ein Filmstar mit einem Best-Of seiner Stierkämpfe angekündigt und Interviews wie aus einem schlechten Reality-TV-Format deuten den Ausgang des Stücks an. In grüner Farbe, der Farbe des Neids, erscheint der Kopf von Don José auf der Leinwand und lässt ihn übergroß auf das Geschehen herunterschielen. Die Lippen wütend zusammengespresst, zückt er dann das Messer, für seine letzte Missetat.

 Für Regisseur Sebastian Baumgarten boten Bizets Rollen selbst Projektionsflächen, die gefüllt werden mussten. Die Carmen von Katarina Bradic ist nicht nur eine reine Femme Fatale, sondern eine emanzipierte Frau mit starker Stimme und selbstbewusster Körpersprache. Bei ihrem allerersten Auftritt, in dem sie ihre Habanera-Arie singt und mit einer Totenkopfmaske wie eine Hexe in einem Kessel rührt, wird bereits klar, welche Gefahr sie symbolisiert und wie schnell sie Menschen in ihren Bann zieht. Die liebe Micaela, die Don José eigentlich auf Wunsch seiner Mutter heiraten sollte und hier von Johanni von Oostrum gespielt wird, trägt ein engelsgleiches Kostüm mit gold glitzerndem Heiligenschein, symbolisiert das unverdorbene Gute, wenn sie mit übertrieben aufgerissenen Augen wie Bambi auf der Suche nach ihrer Mutter im wilden Wald über die Bühne huscht.

 Schließlich werden alle Klischees bedient, um das spanische Flair aufrecht zu erhalten. Natürlich gehören dazu Flamenco-Gitarristen und die Tänzerin Ana Menjibar, die leidenschaftlich den Volkstanz stampft und klatscht. Besonders die Kostüme vom Engelsgewand bis hin zu goldenen Creolen und typischen Flamenco-Kleidern von Ellen Hofmann tragen dazu bei, dass die Rollen wie Comicfiguren wirken. In die Gegenwart bringt die Geschichte aber vor allem das Bühnenbild von Thilo Reuther aus Wänden, die mit Fotografien von Plattenbauen sowie einer verlassenen Santander-Filiale bedruckt sind und auf ein heruntergekommenes Spanien in der heutigen Wirtschaftskrise hindeuten. Revolution ist angesagt, die Occupy-Bewegung steht vor der Tür, wenn sich der exzellente Chor ganz in schwarz gekleidet mit Skelett-Puppen von Marx und Lenin auf der Bühne versammelt.

 Während die Geschichte nach der Aufruhr und dem Dreieckskampf ein vorhersehbares tragisches Ende nimmt, sieht es bei den Solisten anders aus: beim Applaus wird für Andrea Shin und Timothy Richards im Doppelpack ordentlich gejohlt. Als die beiden von der Bühne abgehen, klopft Richards seinem stimmlichen Ersatz kaum merklich zweimal dankend auf die Schulter und lässt seine Hand dort ruhen. Für beide war es ein aufregender Abend und die Erleichterung ist ihnen anzusehen. Zurecht, denn der Abend war den Besuch allemal wert.

Geschrieben von Komische Oper

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