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Die MET Opera in New York hat 3900 Plätze – die erstmal verkauft werden wollen…

Nur wenige Wochen, bevor ich meine Hospitanz in der Dramaturgie der Komischen Oper Berlin begonnen habe, bin ich von einem zwölfmonatigen Auslandsaufenthalt in Nordamerika zurückgekehrt. Unter anderem habe ich auch drei Monate in New York, bekanntermaßen das Epizentrum des Kultur- und Theaterlebens der Neuen Welt, verbracht. Für mich ging damit ein lang gehegter Traum in Erfüllung und ich konnte es kaum erwarten, mich dem »Big Apple« mit all seinen Verführungen und Facetten hinzugeben. Beim Betrachten der »Ahnengalerie« im Foyer des Metropolitan Opera House hatte ich das Gefühl, tatsächlich im Opern-Olymp angekommen zu sein. Umso ernüchternder war meine Lektüre des Editorials von General Manager Peter Gelb im Programmheft zu Brittens A Midsummer Night’s Dream, den ich in wenigen Minuten erleben sollte. Im speziellen auf Burkhard Kosminskis aufgrund allgemeiner Proteste kurz nach der Premiere abgesetzten Tannhäuser in Düsseldorf bezugnehmend, erklärte er, dass sich das New Yorker Publikum darauf verlassen könne, mit solchen Skandal-Inszenierungen nicht konfrontiert zu werden und dass es der MET in erster Linie darum ginge, sich der »Werktreue« zu verschreiben und dem Publikum ein musikalisches Genusserlebnis zu bieten. Die Düsseldorfer Produktion ist zwar sicherlich ein tatsächlich schlechtes Beispiel für die zeitgemäße Herangehensweise an einen Stoff wie Tannhäuser, dennoch ist die Stellungnahme Gelbs, in der er sich eigentlich vollkommen gegen die Neuinterpretierung klassischer Stoffe und das Austesten ästhetischer Grenzen auf der Opernbühne positioniert, offensichtlich Welten von meiner Auffassung entfernt, der ich seit Jahren vom künstlerischen Konzept und den Aufführungen der Komischen Oper Berlin geprägt bin.

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Kinky Boots im Al Hirschfeld Theatre am Broadway.

Infolge meiner Erfahrungen in der MET war es für mich umso interessanter, auf dem Operettensymposium der Komischen Oper Berlin auf Richard C. Norton (Autor des Standardwerks A Chronology of American Musical Theater) zu treffen und mich mit ihm über meine Eindrücke auszutauschen. Mit Begeisterung hat er mir von seinen zahlreichen Vorstellungsbesuchen an der Komischen Oper Berlin erzählt, wo er die Möglichkeit hat, eine Aufführungspraxis live zu erleben, die es in vergleichbarer Form in den Vereinigten Staaten nicht gibt. Aus dem einfachen Grund, dass sämtliche Kulturinstitutionen von privaten Geldern finanziert werden, sind Häuser wie die MET, aber auch, um auf das Unterhaltungstheater Bezug zu nehmen, die Theater des Broadway auf großzügige Spenden vermögender Mäzene und die finanzielle Unterstützung kommerzieller Großunternehmen angewiesen. Im Falle der MET heißt das, den Publikumsgeschmack eben dieser Publikumsschicht von wohlhabenden Spendern aus der Upper Class zu entsprechen. Das Ausbleiben Fortschrittlicher Sichtweisen und Regiehandschriften liegt auf der Hand. Am Broadway gilt die Adaption von Filmen der großen Studios wie Disney oder DreamWorks für die Musicalbühne seit Jahren als Erfolgsrezept. Die Erwartungshaltung des Massenpublikums, eine Eins-zu-eins-Wiedergabe des im Kino Gesehenen zu erleben, lässt dabei wenig Raum für künstlerische Innovation. Selbst Stücke, die nicht einer Filmvorlage entsprechen, wie beispielsweise Kinky Boots mit den Songs von Cindy Lauper, folgen einer recht einfachen, unverfänglichen, wenig abwechslungsreichen Dramaturgie. Ein Vergleich mit den Meisterwerken des klassischen Musicals wie My Fair Lady oder West Side Story ist kaum möglich.

Der Segen der in Deutschland zu großen Teilen als Normalfall geltenden staatlichen Subventionierung macht hochwertige und fortschrittliche Produktionen wie jene an der Komischen Oper Berlin in einem Maße möglich, von dem in den USA nur geträumt werden kann. Beispielsweise das Vorhandensein eines vollständigen Orchesters und Chores für Operettenaufführungen, bilden hier eine Grundlage für künstlerisches Arbeiten, wie sie in Amerika kaum vorhanden ist.

Hoffen wir, dass sich Institutionen wie die MET trotz der schwierigen kulturpolitischen Lage in naher Zukunft neuen Wegen und künstlerischen Ausdrucksformen öffnen werden. Denn gerade weil man auf finanzielle Unterstützung aus Privathand angewiesen ist, sollte man den Geschmack und die Erwartungen einer nachwachsenden Publikums- und eben auch Spendergeneration nicht aus den Augen verlieren.

Johannes Oertel (Dramaturgie-Hospitant Komische Oper Berlin)

Geschrieben von Komische Oper

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