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Vorabmotiv »Gianni Schicchi«, Bild: Gunnar Geller

Unterschiedlicher könnten sie nicht sein, die beiden Kurzopern, die der spanische Meisterregisseur Calixto Bieito in der Komischen Oper Berlin zu einem Doppelabend vereint: Giacomo Puccinis rabenschwarze, italienische Komödie Gianni Schicchi trifft auf das ungarische Psychodrama Herzog Blaubarts Burg von Béla Bartók. Und doch verbindet die beiden im Schicksalsjahr 1918 uraufgeführten Werke ihre ungeschönte Darstellung menschlicher Abgründe. Während Melodienzauberer Giacomo Puccini seine Geschichte um eine Familie, die bereits am Totenbett ihres Patriarchen um das finanzielle Erbe streitet, mit Schmachtfetzen wie »O mio babbino caro« spickt, dringt Béla Bartók mit seiner dichten Partitur in die Tiefen einer verzweigten Seelenlandschaft vor: Auf Herzog Blaubarts Burg verbirgt sich hinter sieben verbotenen Türen ein düsteres Geheimnis, dessen Ergründung einer jungen Frau zum Verhängnis wird …

Umbruchzeiten

Beide Musiktheaterwerke entstanden zu einer Zeitenwende – konzipiert am Vorabend des Untergangs einer ganzen Epoche. Bereits einige Jahre zuvor hatte Puccini einer Freundin gegenüber den Herzenswunsch geäußert, dass er »so gerne lachen und andere Leute zum Lachen bringen« wolle. Dies war nun nötiger als je zuvor, um die Schrecken des Ersten Weltkriegs für einen Moment vergessen zu lassen. So entwickelte er mit Gianni Schicchi eine himmelschreiend komische Oper, unter deren lustig-absurder Oberfläche allerdings immer wieder das Monströse und Menschenverachtende des Alltäglichen hervorblitzt: Letztendlich wird eine hemmungslose Leichenfledderei zur Schau gestellt.

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Vorabmotiv »Herzog Blaubarts Burg«, Bild: Gunnar Geller

Bartók hingegen entdeckt das Monströse im Märchenhaften: Die Fabel von Blaubart, im 17. Jahrhundert erstmals von Charles Perrault verfasst, wird im Libretto von Béla Balázs (einem der zentralen Theoretiker des frühen Films) zur modernen Beziehungstragödie zwischen Mann und Frau, in der die Protagonisten wie mit der Linse einer Kamera seziert werden.

Machtmaschinerie

Bereits in seinen früheren Arbeiten an der Komischen Oper Berlin, etwa in seiner berühmt-berüchtigten Inszenierung von Mozarts Die Entführung aus dem Serail sowie jüngst in Die Soldaten von Bernd Alois Zimmermann, hat Calixto Bieito schonungslos die Mechanismen der Macht und den männlichen Blick auf die Frau untersucht. Auch in Herzog Blaubarts Burg sind derartige Mechanismen am Wirken. Bieito zeichnet das Werk als verrätseltes Gefühlslabyrinth, wo Scheinwelt und Realität zu einer alptraumhaften Kulisse verschmelzen, aus der es kein Entrinnen gibt. Zuvor jedoch zündet er bei Gianni Schicchi ein komödiantisches Feuerwerk, das er ganz in die Tradition südländischer Filmkomödien der 1950er und 60er Jahre stellt.

Doch nicht nur die Inszenierung von Calixto Bieito weiß den Reiz der Gegensätzlichkeit beider Werke zu nutzen. Unter der Leitung von Henrik Nánási, Generalmusikdirektor der Komischen Oper Berlin und ausgewiesener Bartók-Spezialist, verspricht die Gegenüberstellung von Puccini und Bartók auch musikalisch ein besonderes Erlebnis zu werden, mit Günter Papendell als Gianni Schicchi sowie Ausrine Stundyte und Gidon Saks als verhängnisvoll umeinander kreisendes Paar in Herzog Blaubarts Burg.

Geschrieben von Komische Oper

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