Im Juni stehen die Pferde an der Startlinie in Ascot bereit und die feine Englische Gesellschaft kann noch einmal schnell die Benimm- und Kleidungsregeln überfliegen, die befolgt, wer dazu gehören will. Juni ist also auch ein perfekter Zeitpunkt für Blumenmädchen Eliza Doolittle, wieder an der Komischen Oper Berlin an den Start zu gehen und sich in gesellschaftlichen Sprachregeln zu vergaloppieren. Berlin und My Fair Lady, das ist ein match made in heaven, seit die legendäre Inszenierung am Theater des Westens 1961 Bühnengeschichte schrieb. 2015 schenkte Regisseur Andreas Homoki Berlin wieder eine »Lady« und der Charme der kodderschnauzigen Müllkutscherstochter, die die Ohren der Oberschicht erst brüskiert, dann entzückt, erfreut sich ungebrochener Beliebtheit.

© Iko Freese/drama-berlin.de

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Eine fein beobachtete Sozialstudie

My Fair Lady ist ein Evergreen, weil sich zwischen Tanznummern und Ohrwurm-Melodien tiefmenschliche Wahrheiten verbergen. Die literarische Vorlage, aus der das Broadway-Dreamteam Alan Jay Lerner und Frederic Loewe einen Musical-Hit zauberten, ist George Bernhard Shaws beißende Gesellschaftskritik »Pygmalion«. Lerner hielt sich streng an die Vorlage und so sind Shaws Witz und Schärfe in den geschliffenen Dialogen weitgehend unverändert zu hören. My Fair Lady ist – bei allem »Wunderscheen« und »Es grünt so grün« – alles andere als oberflächliche Unterhaltung, sondern eine fein beobachtete Sozialstudie. Der soziale Aufstieg wird einem selten einfach gemacht, doch nirgends ist die Klassengesellschaft so rigide wie in England, nirgends sind Dialekt und soziale Schicht so untrennbar verbunden. Kaum macht ein Engländer den Mund auf, wird er schon in die passende Schublade gesteckt oder mit Higgins Worten: »Ein Engländer wird, so wie er spricht, gesellschaftlich betrachtet. Kaum sagt er was, hat ihn schon ein anderer Engländer verachtet.« Sprache also macht den Menschen, da ist Higgins so sicher, dass er eine Wette annimmt, aus Elizas wüstem, prolligen Geschwätz das feingeschliffene Englisch eines feingeschliffenen Menschen zu machen.

Nicht immer steckt der feinste Mensch im feinsten Zwirn

Wetten ist ebenfalls ein tief in die englische Gesellschaft eingegrabener Zeitvertreib. Gewettet wird auf Pferde in Ascot oder auf Menschen, da spielt Empathie keine große Rolle. Auch heute noch amüsiert man sich ungeniert damit zu tippen, wann Prinz Phillip stirbt oder wie lang Prinz Harrys Ehe wohl halten wird. Die ungebrochene Faszination an den Schrullen und Sperenzchen des Adelsstandes ist ebenfalls eine englische Marotte, die Shaw genau unter die Lupe nimmt: Nicht immer steckt der feinste Mensch im feinen Zwirn, und Eliza hat allemal mehr »Pfeffer im Arsch« als all die männlichen Würstchen, die sich ihr überlegen wähnen. Die ruppige Art, mit der Higgins die ihm unterstehende Eliza in die Mangel nimmt, mag in Zeiten von #MeToo etwas deplatziert wirken, doch darf man nicht vergessen, dass es Eliza ist, die ganz bewusst Quälereien auf sich nimmt, nie ihr Ziel aus den Augen und nie ihre Menschlichkeit und Würde verliert. Vorgeführt wird bei Shaw eher der verbohrte Higgins, der zu keiner menschlichen Regung und keiner Entwicklung fähig ist. Versessen auf Regeln und vernarrt in die eigene Theorie, steht er kleinlaut unter der Fuchtel der Frau Mama und braucht sogar weibliche Hilfe, um zu merken, dass ihm Eliza langsam vertraut geworden ist.

Auch als Dame ist das Leben kaum einfacher

Eine schön geschliffene Sprache mag seine Spezialität sein, aber gute Manieren kann man bei Professor Higgins wohl kaum lernen, gerade Damen gegenüber. Zum Glück ist Higgins bei Lerner eher putzig-verschusselt als ganz unausstehlich, und der virtuose Max Hopp kann dem verrückten Professor, der völlig achtlos in die eigenen gesellschaftlichen Fettnäpfchen tritt, auch liebenswerte Seiten abgewinnen. Katharine Mehrling hat als wuchtbrummige Marktschreierin oder als elegante Ballkönigin das Publikum und ihren Higgins spielend in der Hand. Einfacher wird das Leben für Eliza als Dame allerdings nicht: Gefangen zwischen den Klassen und zu keiner mehr richtig angehörend, muss sie erkennen, dass auch den feinen Damen in dieser Gesellschaft nicht viel mehr übrigbleibt, als sich vorteilhaft zu verkaufen. Denn eine Dame zu sein, so stellt Eliza messerscharf fest, besteht nicht darin, wie sie sich benimmt, sondern wie sie behandelt wird. Ihr Stand in der Gesellschaft hängt also weiterhin von anderen ab und davon, wo und ob man sie akzeptiert. Ob es ein Happy End gibt für das ungleiche Paar, dass möchte Shaw lieber – ganz Musical-untypisch – offen lassen.

Zwei Sandkastenfreunde verhelfen »My Fair Lady« in Berlin zum Erfolg

Dass My Fair Lady auch in Deutschland ein so durchschlagender Erfolg werden konnte, verdanken wir wohl der kongenialen Übersetzung von Robert Gilbert. Der Librettist des Weißen Rössls war übrigens ein Kindheitsfreund des Komponisten Frederick Loewe, mit dem er damals noch als Friedrich Löwe in, ja genau, Berlin im Sandkasten spielte. Der Berliner Jargon ist also mehr als geeignet, für den Englischen Arbeiterakzent Cockney einzustehen. Das Berlinerische ist möglicherweise der einzige deutsche Dialekt, der so konkret mit einer sozialen Schicht verbunden ist. Andreas Homoki inszeniert My Fair Lady als Berlin Revue auf der Drehbühne, die sich in eine Schellackplatte verwandelt, auf der geliebt, gelacht und gestritten wird – und natürlich getanzt, die ganze Nacht!

Geschrieben von Komische Oper

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