Regisseur Calixto Bieito über Wölfe, junge Küken und die Apokalypse

Calixto Bieito

 

Bernd Alois Zimmermann verortet seine einzige Oper im »gestern, heute und morgen«. Was enthebt Die Soldaten einer spezifischen Zeitlichkeit?

Calixto Bieito Die Tatsache, dass Menschen nie aufhören werden, einander großes Leid zuzufügen. Die Soldaten ist eine Oper, in der die ganze Brutalität, die Zerstörung und die Kriege des 20. Jahrhunderts widerhallen. Unsere Lebensumstände hier in Europa mögen uns heute anders erscheinen – doch die grundlegenden Themen von Die Soldaten ändern sich nie.

Sie hegten schon lange den Wunsch, Die Soldaten zu inszenieren. Wie begann Ihre Leidenschaft für dieses Werk?

Calixto Bieito Mit Jakob Lenz! Ich war als Jugendlicher ein geradezu fanatischer Leser seiner Texte und habe mich intensiv mit ihm und seinem Werk auseinander gesetzt. Wahrscheinlich war der damalige Auslöser meiner Begeisterung für Lenz die Erzählung, die Georg Büchner über ihn verfasst hat. Ich war fasziniert von der Lenz’schen Verrücktheit und seiner Einsamkeit. Er war mir viel näher und lieber als sein Zeitgenosse Goethe …

Zwei Antipoden der Deutschen Romantik, die unterschiedlicher kaum sein könnten …

Calixto Bieito … aber Teil der selben Medaille sind. Lenz war immer der »underdog«. Bei ihm findet sich etwas Irrationales, das mit dem Unterbewussten zusammenhängt – der Verrücktheit im eigenen Kopf. Sein Schauspiel Die Soldaten ist allerdings etwas anders als die Oper, die Bernd Alois Zimmermann darauf komponiert. Lenz lässt in seiner Komödie zwar auch die Mechanismen von Gewalt und den Missbrauch von Macht anklingen, aber letzten Endes ist es ein moralisches und moralisierendes Stück. Zimmermanns Intention ist eine andere. Als er den Stoff in die Hände bekam, entschloss er sich, daraus einen Aufschrei zu machen gegen die Brutalität des Krieges und den Missbrauch der Menschen. Ähnlich wie das, was Alban Berg zuvor mit Georg Büchners Woyzeck getan hatte …

Besteht zwischen Bergs Wozzeck und Zimmermanns Die Soldaten eine Geistesverwandschaft?

Calixto Bieito Beide Werke sind einander in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich. Natürlich gibt es große Unterschiede in der musikalischen Landschaft – Zimmermann komponierte später, und das hört man. Aber die Intensität ist dieselbe. Und: Beide Opern sind dramaturgisch perfekt gebaut! An Zimmermanns Musik verblüfft mich immer wieder, dass sie alles umschließt – von Kirche bis Kino. Mal ist sie sehr lyrisch und zitiert Bach, mal erscheint die Musik wie ein Konzentrationslager oder ein Schlachtfeld, bis hin zur völligen Selbstdestruktion der Musik. Die ganze Welt ist in Zimmermanns Musik enthalten. Gleichzeitig ist sie eine Art Abgesang auf all das, was vorher gewesen ist – ein Requiem, bei dem die Hoffnung zu Grabe getragen wird. Denn Hoffnung gibt es in Die Soldaten nicht.

Selbst nicht in den Momenten, in denen musikalische Zitate von Johann Sebastian Bach wie Lichtstrahlen durch die Partitur durchscheinen?

Calixto Bieito Wenn Zimmermann Bach zitiert, öffnet sich ein Fenster. Und ich glaube fest daran, dass Tage besser sind, wenn man den Morgen mit Bach beginnt. Aber das konnte einen Künstler wie Zimmermann nicht retten: Seine Verzweiflung hat ihn wenige Jahre nach Die Soldaten in den Freitod getrieben. Hinterlassen hat er uns mit diesem Werk ein fantastisches, brutales Poem: ein Poem über die Dunkelheit.

Worin besteht die Poesie der Brutalität?

Calixto Bieito In ihrer Authentizität und ihrer Wahrhaftigkeit – in der Purheit der Figuren. Nichts an ihnen ist verstellt oder verkünstelt. Deswegen habe ich mich auch dazu entschlossen, in meiner Inszenierung von Die Soldaten nicht viel »Dekoration« zu verwenden. In der Musik ist schon alles gesagt. Ich wollte die Situation eines close-ups: eine Art Zoom auf das, was in der Musik stattfindet und was die Charaktere von sich geben.

Der Inszenierung verleiht dies einen geradezu filmischen Realismus, der allerdings immer wieder gebrochen wird …

Calixto Bieito … weil das Stück eine traumartige Komponente hat. Es ist eine Kombination von Erträumtem, Albtraumhaftem,Tagträumen und Wirklichkeit – von ganz unterschiedlichen Ebenen also. Mal ist es ein Albtraum für Marie, mal ist es gleichzeitig unser eigener Albtraum. Auch die Filmebene spielt dabei eine Rolle. Zimmermann hatte von Anfang an die Integration von Videos in seiner Oper geplant, wie bei einer Installation. In meinem Kopf entstand sehr bald der Gedanke von der Installation eines Hauptquartiers auf der Bühne – eines riesigen Lagers, von dem aus alle Zerstörung vonstatten geht. Von Shakespeare stammt der Satz, dass die ganze Welt eine Bühne sei. Vielleicht wollte Zimmermann uns mit seinen Soldaten sagen, dass die ganze Welt ein solches Lager ist.

Welche Macht regiert in diesem Lager?

Calixto Bieito Die zerstörerische Kraft des Bösen, die in allen Menschen steckt und die uns immer wieder in Erinnerung ruft, wie dünn die Schicht zwischen der Zivilisation und den animalischen Trieben in uns ist. Das angeblich so fortschrittliche 20. Jahrhundert war das blutigste Jahrhundert der Weltgeschichte. Und es gab und gibt Menschen, die von Katastrophen profitieren. Der 1. Weltkrieg etwa war der Beginn der Fotoindustrie. Opfer wurden fotografiert und ausgestellt, die Hersteller von Kameras haben riesige Geschäfte gemacht. Heute gibt es prestigeträchtige Ausstellungen von solchen Fotos. Ich möchte hier nicht den moralischen Zeigefinger schwingen, sondern sage nur, dass wir Menschen so sind. Wir tragen sowohl das Gute als auch das Böse in uns.

In Kriegen gerät diese Balance gesellschaftlich aus den Fugen. Ingeborg Bachmann schrieb jedoch, dass es der Friede sei, in dem der wahre Krieg herrsche – in unseren persönlichen Beziehungen und dem alltäglichen Umgang miteinander …

Calixto Bieito … und auch in Die Soldaten findet ja keine Kriegshandlung im eigentlichen Sinne statt. Für viele Menschen ist der Alltag der Kampf. Ich habe bei Die Soldaten immer an eine kleine Community gedacht, eine Dorfgemeinschaft: Alle wollen Marie bestrafen, weil sie frei sein möchte wie ein Vogel. Marie will fliegen! Und die Gemeinschaft duldet dies nicht und bringt sie um. Bei Lenz ist Marie bisweilen recht ambivalent gezeichnet, bei Zimmermann nicht wirklich. Er lässt uns Mitleid an ihrem Untergang haben. Die Gemeinschaft, in der Marie lebt, ist krank. Es ist eine Gemeinschaft, die versucht, Liebe zu zerstören. Darum sind alle Figuren –Männer wie Frauen – Militaristen.

Und die Moral von der Geschicht?

Calixto Bieito Die gibt es nicht. Wir Menschen sind wie ein Rudel Wölfe und essen uns gegenseitig auf. Als Kind habe ich ein Erlebnis gehabt, das mich seitdem verfolgt: Ich habe beobachtet, wie ein anderer Junge meines Alters lebende Küken getötet hat, indem er sie gegen einen Baum schlug. Dieses Bild ist bei der Beschäftigung mit Die Soldaten in meiner Erinnerung oft wieder aufgetaucht. Der Instinkt der Zerstörung und Selbst-Zerstörung ist vom Beginn unseres Lebens an da. Und das drückt die Musik auf hypnotisierende Weise aus, getrieben von der Angst vor dem Tod und Zimmermanns Angst vor der Atombombe. Ich bin zwar hart im Nehmen, aber dieses Werk ist nicht leicht zu schlucken. Am Ende eines Probentages mit Die Soldaten ist mein Kopf voll, nichts geht mehr. Am Tag nach unserer Soldaten-Premiere in Zürich etwa flog ich nach London zur dortigen Premiere meiner Inszenierung von Beethovens Fidelio. Und ich konnte Beethovens Musik an diesem Abend kaum ertragen …

Der Musikautor Ulrich Schreiber mutmaßte einst, dass Zimmermann mit Die Soldaten Beethovens Fidelio zurücknehmen wollte – in ähnlicher Weise, wie der fiktive Komponist Adrian Leverkühn in Thomas Manns Doktor Faustus Beethovens 9. Sinfonie zurücknehmen wollte …

Calixto Bieito … und damit das Märchen, dass alle Menschen Brüder werden bzw. eine Frau uns erlösen wird. Zimmermann ist da unerbittlich und wahrhaftig, und damit ist er mir sehr nah. Ich hasse Gewalt aus vollem Herzen. Auch Aggressionen sind etwas, mit dem ich schwer umgehen kann. Aber sie sind aus unserer Welt nicht wegzudenken und sind Teil von uns. Als ich 20 Jahre alt war, bin ich anderthalb Jahre durch Amerika gereist. Das war in meinem Leben die allerwichtigste Lernerfahrung. Ich sah die schönsten Dinge, die man sich auf der Welt vorstellen kann. Und ich sah die furchtbarsten Dinge. Beides in einem Land vereint. Wo viel Licht ist, ist viel Schatten. Das ist ein physikalisches Gesetz …

Und doch gemahnt uns ein so düsteres Panorama, wie es Die Soldaten zeichnet, durch das Gewahrwerden derartiger Schattenseiten, die Lehren aus ihnen zu ziehen – ähnlich wie bei Brechts Mutter Courage, die zwar aus den Schrecken des Krieges nicht lernt, dadurch aber den Zuschauer aktiviert …

Calixto Bieito Vielleicht. Ich hatte den Glauben daran aufgegeben, dass das Theater Menschen verändern kann. Aber vielleicht ist es tatsächlich ein Stück weit möglich. Oper wäre dafür jedenfalls geeignet. Die Oper ist die Kunstform der Zukunft, weil sich Oper im Kopf und im Herzen festsetzt. Im Sprechtheater versucht man heute, musikalisch zu sein, um das zu erreichen. Aber bei Texten ist es schwieriger, weil sie einen eher auf intellektuelle Weise ansprechen. Oper geht unmittelbar in den Bauch. Natürlich gibt es auch in der Oper verschiedene Hürden und Zwänge, etwa das Zeitkorsett, das eine musikalische Partitur darstellt. Deswegen genieße ich, ab und zu auch Schauspiel zu machen. Aber Musik ist in meinem Leben sehr wichtig. Sie gibt mir positive Kraft. Musik ist für mich die Hoffnung.

Das Gespräch führte Pavel B. Jiracek (Dramaturg).

Geschrieben von Komische Oper

1 Kommentar

Eugen

Noch eine Woche bis zur Premiere! Wenn es die gleiche Kraft hat wie die Soldaten aus München …

Antworten

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *