Kirill Serebrennikovs Inszenierung von Rossinis populärer Oper »Il Barbiere di Siviglia« an der Komischen Oper Berlin wurde zur Premiere 2016 von Journalisten enthusiastisch als »Berlins erste Smartphone-Oper« ausgerufen. Wie die Faust aufs Auge passte das Regie-Konzept mit Facebook-Feed, dauer-chattendem Liebespaar und gepimptem Selfie-Image zu Beaumarchais’ barocker Vorlage, einem Schauspiel über Verstellung, Maskerade, Versteckspiel und geheime Briefchen und Nachrichten. Dass Serebrennikovs Inszenierung aber noch mehr kann als Social Media Kritik, wird unter aktuellen Umständen mehr als deutlich.

Foto: Monika Rittershaus

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Seit 23. August 2017 steht der russische Regisseur, Leiter des politisch liberalen Gogol Theaters in Moskau, unter Hausarrest, muss eine Fußfessel tragen und wird rund um die Uhr bewacht. Der Kontakt zur Außenwelt ist strikt reglementiert. Für einen Theatermacher, besonders einen in Internet-Communities derart präsenten wie Serebrennikov, bedeutet diese Situation praktisch ein Arbeitsverbot. Zum letzten Gerichtstermin am 19. Januar wurden die Beschuldigungen erhöht, die Haft zunächst bis April verlängert. Der Vorwurf lautet auf Veruntreuung von Staatsgeldern, einen rechtsstaatlichen Prozess gab es bisher allerdings nicht. Inwiefern hier tatsächlich juristische Erwägungen die Hauptrolle spielen, sei dahingestellt. Die Inszenierung Serebrennikovs als Schwerstverbrecher, der im Gerichtssaal von maskierten Kalaschnikow-Trägern im Käfig vorgeführt wird, könnte jedenfalls aus einer seiner Produktionen stammen. In seinem »Il Barbiere di Siviglia« fokussierte sich Serebrennikov bereits fast ein Jahr vor seiner Verhaftung auf die Macht der Sozialen Medien als Manipulationswerkzeug, aber auch als Instrument der Befreiung. Dass ein starkes Bild mächtiger ist als tausend Fakten und Rufmord selbst den bedeutendsten Mann zu Fall bringen kann, diese Erkenntnis allerdings hatte vor ihm schon Gioachino Rossini, was sich bei genauerem Hinsehen auch im oft als harmlose Komödie rezipierten »Il Barbiere de Siviglia« offenbart.

Ein umtriebiger Graf stößt auf der Suche nach neuen Zerstreuungen auf die hübsche Rosina, die von ihrem Vormund, dem alternden, konservativen und angesichts seines jungen Mündels etwas, nun ja, notgeilen Bartolo mit Argusaugen daheim bewacht wird. Graf Almaviva will rein, Rosina will raus und das allein reicht eigentlich an gemeinsamen Interessen, um aus den jungen Leuten ein »Liebespaar« zu machen. Der patente, ideensprühende Figaro soll dabei helfen, die beiden zusammenzubringen und gleichzeitig Bartolo zu blamieren. Graf Almaviva und seine auserwählte Rosina verfügen dank ihrer geheimen Botschaften, seien das nun altmodische Briefchen oder digitale Textnachrichten, über Kommunikationswege, die von außen nicht zu kontrollieren sind. Das macht die jungen Leute für gewisse Kreise gefährlich oder zumindest suspekt. Die junge Generation emanzipiert sich rücksichtlos gegen bisher geltende Regeln, und das bringt einen altmodischen Traditionalisten wie Bartolo extrem aus dem fein zurechtgezimmerten Gleichgewicht. Sehnsüchtig hängt Bartolo an den guten alten Zeiten und nimmt damit ideologisch für sich in Anspruch, dass seine Wahrheit die rechte Wahrheit ist, die es zu bewahren gilt. Die Feindbilder, die der kostümierte Graf Almaviva dem armen Alten ins Haus schleppt, sind ganz bewusst ausgewählte Trigger für Bartolo: Aus dem betrunkenen Soldaten des Originals wird ein Gotteskrieger, der Musiklehrer wird zur überkandidelten Tucke. So einfach funktioniert Manipulation, Meinungsmache und Ängste schüren beim Wutbürger.

Foto: Monika Rittershaus

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Der »Barbiere« ist eine Komödie, doch eine, die dem Betrachter durchaus bitter aufstoßen kann. Hier gibt es keine Guten: Jeder der egoistischen Charaktere ist einzig darauf bedacht, seine eigenen Interessen durchzusetzen. Auch der putzige, stets eilende Figaro ist hinter seiner komödiantischen Fassade ein einzig auf seinen Vorteil bedachter Meistermanipulierer. Eigentlich zerstört also Berlins erste Smartphone-Oper die so gerne propagierte Illusion dieser »sozialen« Medien, geht es darin am Ende doch herzlich wenig um Soziales, Zusammenhalt und Gemeinschaft. Geheime Botschaften senden, das Selbstbild optimieren, gleichgesinnte Peergroups finden – all das funktioniert mit diesen modernen Werkzeugen nur allzu gut. Genauso einsatzfähig sind sie aber auch für Überwachung, Populismus und Meinungsmache.

Gelacht werden darf trotzdem in dieser vor Ideen sprühenden Inszenierung mit Karolina Gumos als Rosina, Tuomas Katajala als Schnulzen singendem Graf, Günther Papendell als Hipster-Figaro mit Ohrring und Männerdutt und Philipp Meierhöfer in einer erstaunlich berührenden, mitleiderregenden Auslegung des alternden Bartolo. Angesichts der eingangs beschriebenen Situation ihres Regisseurs schwingt dabei jedoch unweigerlich die Erkenntnis mit, dass der Genuss von medienkritischem, gesellschaftskritischem oder überhaupt kritischem Theater keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein Gut, das man sich in politisch unkalkulierbaren Zeiten immer neu erkämpfen muss. Und der Preis kann extrem hoch ausfallen.

Geschrieben von Komische Oper

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