»Alban Bergs dritte Oper wäre eine Zwölfton-Jazzoperette gewesen und Schikaneders Papageno könnte eher wie Udo Lindenberg geklungen haben«, so Intendant und Chefregisseur Barrie Kosky auf der ersten Podiumsdiskussion des Operettensymposiums zum Thema E und U? Wovon reden wir da überhaupt?u und e groß

Das Symposium im Rahmen des Operettenfestivals der Komischen Oper Berlin wurde am heutigen Vormittag mit einer anregenden Diskussion eröffnet, in der Barrie Kosky, Georg W. Bertram (Freie Universität Berlin) und Wayne Heisler (The College of New Jersey) sich mit der Frage auseinandergesetzt haben, inwiefern die Unterscheidung zwischen U und E-Musik ein vor allem deutsches Phänomen ist und ob eine solche überhaupt legitim sein kann. Der häufig zitierten These Theodor W. Adornos, die »Leichte Musik« habe kein ästhetisches Potenzial und sei nur darauf bedacht, den Zuschauer zu »verstehen«, während die E-Kultur nicht nur sein Publikum, sondern den Kunstbegriff selbst permanent in Frage stelle und zur Reflexion anrege, stellte Barrie Kosky schlicht entgegen, dass eine solche Differenzierung im künstlerischen Schaffensprozess nicht von Interesse sei und somit eine Aufspaltung in U oder E eigentlich vollkommen egal ist. Die bis heute zu großen Teilen anhaltende Nichtbeachtung der Operette als elementares Genre der deutschen Musiktheaterliteratur sei, so Barrie Kosky, ein unterschwellig noch immer nachwirkendes Ergebnis der Kulturpolitik zur Zeit des Nationalsozialismus – aus dem einfachen Grund, dass die Operette wie kaum eine andere Gattung von jüdischen Künstlern bestimmt und geprägt wurde. Folglich stellt er die Frage: »Was wäre passiert, hätte es die Naziherrschaft und mit ihr die Vertreibung jüdischer Künstler ins Exil nicht gegeben?« Das tabubrechende Potenzial der oft radikalen Inhalte von Stücken wie Eine Frau, die weiß, was sie will! oder Ball im Savoy hätte weiter fortbestanden und sich mit großer Wahrscheinlichkeit noch weiter gesteigert. Vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse wurden jene Werke, die sich auf einer ironisch-humoristischen Ebene mit den großen Themen ihrer Zeit wie der Selbstbestimmung der Frau in der Gesellschaft oder dem liberalen Umgang mit Sexualität in ihren verschiedenen Formen mit noch nie dagewesener Offenheit und Deutlichkeit auseinandergesetzt haben, jedoch als »Entartete Kunst« ausgelöscht. Durch das Wiederaufleben konservativer Wertvorstellungen und einer normierenden Bürgerlichkeit im Deutschland der Nachkriegszeit wurde jene fortschrittliche Zündkraft dann aus den wiederaufgeführten Stücken entfernt und es etablierte sich eine verfälschte Darstellungsform vieler Operetten, die die Kluft zwischen U und E nur vergrößerten. Jene Normierung der Aufführungspraxis hat unsere Vorstellung vom »Richitg« und »Falsch« der Interpretation, so Kosky, nicht nur im Bezug auf die Operetten des frühen 20. Jahrhunderts, sondern ebenso auf Werke wie Mozarts Zauberflöte stark beeinflusst. »Schaut man sich den Stimmumfang des Papageno an, so wird klar, dass Schikaneders Papageno, eher wie Udo Lindenberg geklungen haben muss.«, vermutet er. Ausserdem merkt er an, dass viele der großen Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts, wenn nicht ins Exil gezwungen, relativ früh verstorben seien: »Wäre Alban Berg nicht so jung gestorben, wäre seine dritte Oper sicher eine Zwölfton-Jazzoperette gewesen.« Die Einteilung in U oder E spielt in der kreativen Arbeit von Barrie Kosky also keine Rolle, vielmehr fühlt er sich der Tradition des antiken griechischen Theaters verbunden, in dem nie eine Trennung zwischen Tragödie oder Komödie stattgefunden hat. Immer waren sowohl heitere, als auch tragische Elemente enthalten. Abschließend betont er, dass dies nicht bedeutet, dass jede Oper zwangsläufig etwas komisches in sich haben muss und auch nicht in jeder Operette ein tieferer Ernst stecken muss – vielmehr sollte man eine Kategorisierung vermeiden und jedes Stück als eigenständige Einheit betrachten. Die Komische Oper Berlin verschreibt sich seit jeher dieser Vielfalt an Stoffen, Inhalten und Genres und ihrer gleichberechtigten Repräsentation im Spielplan. Möge die Operette weiterhin unter der Intendanz von Barrie Kosky sowie darüber hinaus ihre Popularität und Aktualität zurückgewinnen – frei von jeglicher Zuordnung zu U oder E, sondern einfach als maßgeblicher Bestandteil des großen M’s der Musiktheaterliteratur.

Johannes Oertel (Dramaturgie-Hospitant Komische Oper Berlin)

Geschrieben von Komische Oper

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